Chirurgie

Vollnarkose und Keimfreiheit im Operationssaal machten die moderne Chirurgie erst möglich. Sie umfasst die operative Behandlung sämtlicher Störungen des Organismus, zum Beispiel die Entfernung von Tumoren, wiederherstellende Eingriffe und Amputationen.

Es ist kaum vorstellbar, in welchem Umfang sich die Chirurgie in den letzten hundert Jahren entwickelt hat. Bis vor etwa einem Jahrhundert wurde ohne Betäubung und ohne besondere Vorkehrungen gegen Infektionen operiert. Zahlreiche Patienten starben an Wundinfektionen, nachdem sie sich zuvor einer peinigenden Prozedur hatten unterziehen müssen. So wurde der Betroffene, der unvorstellbar qualvolle Schmerzen erdulden musste, während des Eingriffs von mehreren Medizinstudenten auf dem Operationstisch festgehalten.

Anästhesie und Antisepsis

Die beiden Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten Verfahren, welche die Chirurgie revolutioniert haben, sind die Anästhesie und die Antisepsis. Anästhesie bedeutet Unempfindlichkeit gegen Schmerz und wurde mit dem Einsatz von Chloroform erreicht; die Vollnarkose ermöglichte langwierige Operationen. Antisepsis, was mit „gegen Fäulnis“ übersetzt werden kann, bedeutet, dass die Keimfreiheit der Hände, Instrumente und Verbände die Operationen nun nicht mehr mit dem erheblichen Risiko einer Wundinfektion belasteten. In der modernen Chirurgie können Operationen unter Lokal-, Regional- oder Allgemeinanästhesie ausgeführt werden.

Bei der Lokalanästhesie (örtlichen Betäubung) wird das Präparat Lidocain in das zu operierende Gewebe injiziert (= Infiltrationsanästhesie). Die Wirkung setzt beinahe augenblicklich ein und ist so stark, dass der Patient nichts spürt. Empfindet er Schmerzen, bedeutet dies, dass die Injektion nicht an der richtigen Stelle vorgenommen wurde. Die Injektion wirkt im allgemeinen mehrere Stunden. Bei der Regional- und Leitungsanästhesie wird das gleiche Präparat (Lidocain) verwendet, aber so, dass eine ganze Körperpartie schmerzfrei ist. Das Mittel wird in einen der großen Nerven oder in dessen nächste Umgebung injiziert. Es gibt auch die Möglichkeit, zwei Manschetten um das betreffende Körperglied zu legen und das Mittel in die Vene zu spritzen, so dass das Lokalanästhetikum sich in die Blutgefäße der Gliedmaße ausbreitet.

Viele Operationen können mit Lokalanästhesie ausgeführt werden. Bei der Allgemeinanästhesie oder Vollnarkose werden dem Patienten betäubende Mittel verabreicht, die das Bewusstsein ausschalten, schmerzfrei machen und die Muskelspannung herabsetzen. Durch die zeitweise Lähmung des zentralen Nervensystems werden zum Beispiel Bauchoperationen wesentlich erleichtert. Dank der zuverlässigeren modernen Anästhetika und sichereren Anästhesie-Verfahren braucht der Chirurg heutzutage nicht mehr mit dem Gefühl an die Operation heranzugehen, dass er möglichst schnell arbeiten muss, zumal ein Spezialist, der Facharzt für Anästhesie, die Verantwortung für die Narkosetiefe, -dauer und die Herz-Kreislauffunktionen des Patienten auch nach der Operation übernimmt.

Durch die Transfusion von Blut und Kochsalzlösung während und nach einer Operation – das weiß man erst seit ungefähr fünfzig Jahren – lässt sich der Heilungsprozess des Patienten ganz erheblich beschleunigen. Antiseptische Maßnahmen Im 19. Jahrhundert wurde durch Pasteurs Entdeckung, dass viele Krankheiten durch Bakterien übertragen werden, der Weg für die Entwicklung antiseptischer Verfahren in der Chirurgie durch den britischen Mediziner Lord Lister geebnet. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden Operationen nicht selten in einem großen Saal vor Publikum durchgeführt. Der Chirurg legte nur seinen Gehrock ab und zog seinen mit angetrocknetem Blut von früheren Operationen verunreinigten Kittel an. Er trug keine Gummihandschuhe, und die Instrumente waren zwar gereinigt, aber nicht sterilisiert. Wie nicht anders zu erwarten, entzündeten sich die Operationswunden regelmäßig.

Mit diesem Wissensstand wurde ein Amputationsstumpf beispielsweise nicht wie heutzutage vernäht, sondern offen gelassen, damit bei der unvermeidlichen Infektion der Eiter abfließen konnte und keinen schmerzhaften Abszess bildete. Das verwendete Verbandsmaterial wurde im allgemeinen 14 Tage auf der Wunde belassen und anschließend vom Chirurgen abgelöst. Starke Blutungen waren oftmals die katastrophale Folge.

Viele Operationen wie beispielsweise Hauttransplantationen wären vor der Einführung aseptischer (keimfreier) Methoden unmöglich gewesen. Lord Lister fand heraus, dass die Gefahr einer Infektion sich verringern ließ, wenn man bei der Operation die Wunde und ihre Umgebung mit Karbolsäure einsprühte. Dieses Verfahren, bei dem es sich eigentlich um eine antiseptische (keimabtötende ) Technik handelte, führte dann zu aseptischen (keimfreien) Verfahren, durch die weitgehend verhindert wird, dass Bakterien in die Wunde gelangen.

In der heutigen Chirurgie werden Instrumente . und Nahtmaterial grundsätzlich sterilisiert, der operierende Arzt trägt sterilisierte Handschuhe und einen ebenfalls sterilisierten Kittel, und die Körperteile der Patienten, die von der Operation nicht betroffen sind, werden mit keimfreiem Material abgedeckt. So erreicht man, dass die offene Wunde möglichst nicht mit körperfremden Bakterien verunreinigt wird. Dieses Verfahren hat zum fast völligen Verschwinden von Infektionen bei sogenannten „aseptischen“ Eingriffen wie beispielsweise Bruchoperationen geführt.

Septische Operationen

Infektionen treten jedoch immer noch in Zusammenhang mit Eingriffen auf, bei denen aseptische Verfahren nicht jedes Risiko ausschließen, da es zu Infektionen mit körpereigenen Bakterien kommen kann. Die sogenannten „septischen“ (nicht keimfreien) Operationen betreffen beispielsweise den Bauchraum (Blinddarm- und Darmoperationen) . Aber auch bei diesen Eingriffen konnte durch Antibiotika die Infektionsrate erheblich gesenkt werden. Aseptik und Allgemeinanästhesie stellten einen großen Fortschritt in der chirurgischen Technik dar, und viele der Instrumente, die heute verwendet werden, wurden schon Ende des vorigen Jahrhunderts entwickelt. Seither hat es viele Abwandlungen und Neuentwicklungen gegeben, aber im wesentlichen haben sich die Instrumente kaum geändert.

Chirurgische Instrumente

Skalpelle: ein chirurgisches Skalpell besteht aus einem massiven Metallgriff, an dem sich Edelstahlklingen verschiedener Größe befestigen lassen. Die Klingen werden jeweils nur einmal verwendet, und im Laufe einer Operation werden oft mehrere davon gebraucht. Das Wichtigste ist, dass die Gewebe sauber durchtrennt werden, und deshalb muss stets eine absolut scharfe Skalpellklinge zur Hand sein. Die Klingen unterscheiden sich nicht nur in der Größe, sondern, je nach Art des chirurgischen Eingriffs, auch in der Form.

Scheren: Es gibt viele verschiedene Scherentypen – lange, kurze, gebogene und gerade. Sie sind aus hochwertigsten Stahl gefertigt und werden immer optimal funktionsfähig gehalten.

Gefäßklemmen: Muss im Verlauf einer Operation eine Arterie oder eine Vene durchtrennt werden, so klemmt der Chirurg sie vorher an zwei Stellen mit einer Gefäßklemme ab; den Schnitt führt der Behandelnde zwischen den beiden Klemmen aus. Gefäßklemmen sehen auf den ersten Blick ein wenig wie Scheren aus, doch tatsächlich handelt es sich um kleine Zangen mit einem Sperrmechanismus im Griff, der es erlaubt, sie in einer bestimmten Stellung zu fixieren. Es gibt Dutzende verschiedener Arten von chirurgischen Gefäßklemmen.

Retraktoren: Hierbei handelt es sich um Wundhaken oder -spreizer aus Metall. Sie dienen dazu, die Ränder einer Wunde während der Operation offenzuhalten. Sie werden von einem Assistenten gehalten oder sind an einem Rahmen befestigt und können in bestimmten Abständen am Körper des Patienten angebracht werden. Bauchoperationen wären ohne geeignete Wundhaken nicht möglich. Nach der Operation werden alle benutzten Instrumente gereinigt und wieder auf das Tablett mit den unbenutzten Instrumenten zurückgelegt. Das ganze Besteck wird dann sorgfältig auf Vollständigkeit und Funktionalität geprüft, beschriftet, sterilisiert und für die nächste Operation bereitgelegt.

In einem modernen Krankenhaus sind alle Instrumentensätze mehrfach vorhanden, so dass an ein und demselben Tag mehrere gleichartige Operationen ausgeführt werden können, ohne dass die Ärzte die Sterilisierung der Instrumente abzuwarten brauchen.

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Hi! Ich habe im Moment nicht viel zu sagen. :-)