Strecktherapie

Schon seit langem wird die Strecktherapie zur Behandlung von Knochenbrüchen, Verrenkungen und schmerzhaften Erkrankungen des Skelettsystems eingesetzt. Diese Technik wird auch in Zukunft von Bedeutung bleiben. Die Therapie mit Streckvorrichtungen und Streckverbänden erscheint grob und unmodern. Tatsächlich ist sie bei vielen Brüchen und Verrenkungen ein unübertroffenes Behandlungsverfahren.

Anwendungsbereiche

Am häufigsten wird die Strecktherapie (medizinisch: Extension) bei bestimmten Knochenbrüchen vorgenommen. Man bezweckt damit, die gebrochenen Knochenteile optimal anzupassen und Bewegungen zu unterbinden. Diese Methode verhindert auch Schmerzen. Durch den Zug in Richtung der Längsachse des gebrochenen Gliedes kann sich dieses nicht verkürzen. In den meisten Fällen wird die Extension bei Brüchen des Oberschenkelknochens (Femur) eingesetzt, weil bei solchen Brüchen eine Gipsbehandlung ungeeignet ist. Um den Oberschenkel nämlich in Gips sicher ruhigzustellen, bedarf es einer sehr klobigen, unbequemen Gipskonstruktion, die Teile des Unterkörpers und das ganze Bein umschließt (Oberschenkel-Liegegips). Die Streckbehandlung kommt auch bei Schienbeinbrüchen, Brüchen des Beckens, der Wirbelsäule und des Ellbogens zum Einsatz. Inzwischen ziehen Ärzte in einigen Fällen aber operative Maßnahmen vor, z. B. Marknägel, weil die Mobilität schneller wieder erreicht wird und die Liegezeiten kürzer sind. Auch manche Arten von Verrenkungen (Luxationen) werden mit Extension behandelt, besonders häufig Verrenkungen des Hüftgelenks. Das ist die sicherste Methode, die überdehnten und gerissenen Gewebe zu entlasten und weiteren Schaden zu verhindern.

Funktion

Wenn ein Knochen durch Krankheit oder Verletzung schmerzt, ziehen sich die umliegenden Muskeln automatisch zusammen, um das betroffene Glied zu schonen. Dieses unwillkürliche Zusammenziehen wird Spasmus genannt. Es ist ein reflektorisches Geschehen, das der Betroffene nicht willentlich verhindern kann. Der Spasmus selbst kann schmerzhaft sein und die Beschwerden der zugrunde liegenden Krankheit noch erheblich verstärken. Nicht alle Muskelgruppen des Körpers sind gleich stark. Beim Spasmus ziehen die kräftigeren Muskeln durch den konstanten Zug das Gelenk in eine Fehlstellung. Dadurch kann eine bleibende Verformung entstehen. Aufgabe der Streckbehandlung ist es, den schmerzhaften Muskelspasmus durch beständigen festen Zug in die Gegenrichtung zu überwinden. Dadurch wird gleichzeitig die Fehlstellung korrigiert oder behoben. Bei einer Extension wird nur so stark gezogen, dass die Kraft der Muskeln, Bänder und Sehnen gerade ausgeglichen wird und die Knochenteile dennoch fest zueinander stehen.

Die Technik

Um einen kräftigen, gleichmäßigen Zug in Längsrichtung eines Gliedes ausüben zu können, befestigt man mit speziellen Vorrichtungen Gewichte am Patienten. Das lässt sich durch direkte Verankerung im Skelettsystem selbst, zum Beispiel mit dem Kürschnerdraht, erreichen oder indirekt über eine Befestigung an der Körperoberfläche. Beim Knochenzug wird ein Metallstift oder -draht durch einen geeigneten Knochenabschnitt geführt. An dem Stift sind Bänder befestigt, an denen dann wiederum Gewichte hängen. Bei der indirekten Extension wird dagegen ein großer Abschnitt des Gliedes mit festen Binden, Pflasterverbänden oder Zinkleimverbänden umwickelt. In diesen Verbänden werden Bänder fixiert, an denen die Gewichte hängen. So wird die Zugkraft indirekt auf die Knochenteile übertragen. Der Nachteil dieser Methode ist, dass man keine großen Gewichte anhängen kann (nicht mehr als 3,5 kg), weil dann der Verband rutscht und sich möglicherweise löst. Die zu den Extensionsdrähten oder -verbänden laufenden Zugbänder werden über Rollen umgeleitet, und erst in einiger Entfernung zum Patienten befinden sich dann die Gewichte. Bei Knochenbrüchen (Frakturen) wird das gebrochene Glied häufig auf eine Schiene oder in eine Schlinge gebettet. Dadurch lässt sich die stabile Stellung unterstützen und eine bequeme Lagerung erzielen, die für den Patienten angenehmer ist. Auch die Schlingen lassen sich durch Bänder und Gegengewichte flexibel einstellen. Die Rollen sind auf einem speziellen Metallgestell befestigt, das über dem orthopädischen Bett angebracht ist. Dadurch erhält die ganze Extensionsvorrichtung ein etwas kompliziertes Aussehen. In vielen Fällen wird jedoch nur ein Band mit einer Rolle und einem Gewicht eingesetzt. Das Gewicht tendiert dazu, den Patienten allmählich zum Bettende hin zu ziehen. Das lässt sich vermeiden, indem das Bettende etwas höher gestellt wird.

Eine andere Art der Streckbehandlung nutzt das Körpergewicht des Patienten selbst als Zugkraft aus. Dieses Verfahren setzt man vor allem bei Kindern im Alter von ein oder zwei Jahren ein, die sich den Oberschenkelknochen gebrochen haben, oder bei Kindern, die an einer angeborenen Hüftgelenkerkrankung (Hüftluxation) leiden. Beide Beine werden mit einem Pflasterverband zu einem über dem Bett verlaufenden Metallrahmen hin gezogen. Das Gesäß hängt dabei knapp oberhalb der Matratze frei in der Luft (Overhead Extension). Das Kind zieht also mit seinem eigenen Körpergewicht an den fixierten Oberschenkeln. Die Strecktherapie des Rückgrats erfordert eine leicht abgewandelte Technik. Eine einfache Wirbelsäulenextension wird durch einen Gürtel ausgeübt, den man um das Becken legt. Bei einem Bruch der Halswirbel muss häufig ein stärkerer Zug stattfinden. Hierfür wird eine große, dünne Metallklammer (Crutchfieldklammer) über den Kopf gelegt und durch Schrauben in Schläfenhöhe direkt im Schädelknochen verankert. Dadurch lässt sich gefahrlos ein fester Zug durchführen.

Dauer der Behandlung

Wird ein Knochenbruch durch Extension behandelt, dauert die Streckbehandlung so lange, bis der Knochen für seine Belastungen wie Gehen, Sitzen und Greifen wieder stabil genug geworden ist. Bei einem Oberschenkelbruch kann der Heilungsprozess drei bis vier Monate dauern. Bei Kindern verläuft die Knochenheilung schneller, deshalb ist die Therapie bei ihnen entsprechend kürzer. In einigen Fällen wird ein Bandscheibenvorfall in der Weise behandelt, dass der Patient für ein bis zwei Wochen konstant streckbehandelt wird. Die Extension kann in diesen Fällen auch in Verbindung mit Krankengymnastik täglich für eine halbe Stunde durchgeführt werden. Diese ambulante Form der Behandlung dauert allerdings länger.

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Hi! Ich habe im Moment nicht viel zu sagen. :-)