Leukotomie

Unter dem Begriff Leukotomie fasst man Operationen zusammen, bei denen Nervenbahnen zwischen bestimmten Gehirnbereichen durchtrennt werden.

Die Leukotomie war bis Ende der fünfziger Jahre das letzte Mittel, zu dem Ärzte griffen, um schwere psychische Leiden zu lindern. Heutzutage sollte man besser von palliativer (krankheitsmildender) Psychochirurgie als von Leukotomie sprechen. Die Operationsverfahren haben sich weiterentwickelt und sind raffinierter als die Standard-Leukotomie, die bis Ende der fünfziger Jahre durchgeführt wurde. Bei einer solchen Operation durchtrennte der Gehirnchirurg die Nervenbahnen zwischen der Unterseite der Hirnstirnlappen und dem limbischen System, einem Bereich im Mittel- und Stammhirn. Das limbische System regelt unter anderem das Affekt- und Triebverhalten und dessen Verbindung zu den vegetativen Organfunktionen. Außerdem spielt es für die Gedächtnisleistungen eine wichtige Rolle. Auf der Grundlage dieses Wissens glaubten dann die Ärzte, dass bei Krankheitsbildern wie schweren Depressionen mit Tendenz zur Selbstzerstörung, bei Zwangskranken mit Tendenz zur Fremdzerstörung sowie bei unstillbaren Schmerzzuständen ein psychochirurgischer Eingriff Erfolg versprechend sei. Probleme Mit den Jahren hat sich jedoch ergeben, dass die Auswirkungen solcher Operationen unberechenbar sind. Sie bestehen in Wesensveränderungen, die von krankhafter Gleichgültigkeit bis hin zu Schwachsinn und Enthemmung reichen. Leukotomien werden deshalb nicht mehr ausgeführt. Neue Medikamente und die größeren Erfolge von stereotaktischen Gehirnoperationen, bei denen unter einem speziellen Zielgerät koordiniert röntgenologisch und neurochirurgisch vorgegangen wird, ermöglichen den Verzicht auf die Leukotomie.

Palliative Psychochirurgie

Bei der Leukotomie wurden die Nervenbahnen mit einem Stilett oder Leukotom (zweischneidiges Skalpell) sozusagen frei hand durchtrennt. Bei der stereotaktischen Chirurgie dagegen wird unter einem Zielgerät gearbeitet und die Bahndurchtrennung über sehr kleine Trepanationsöffnungen (Schädelbohrlöcher ) thermisch, chemisch oder auch mechanisch vorgenommen. Das Verfahren ist sehr viel zielgenauer als die Leukotomie. Bei stereotaktischen Operationen arbeitet der Chirurg mit Hilfe eines Rahmens, der um den Kopf des Patienten herum angebracht ist. Von ihm aus führt er Sonden in genau die richtige Tiefe. Diese wird vor der Operation anhand von Röntgenuntersuchungen ermittelt. Ist der zuständige Gehirnbereich erreicht, kann er zunächst vorsichtig stimuliert werden. An den Reaktionen des Patienten lässt sich überprüfen, ob der gewünschte Bereich auch tatsächlich getroffen ist. Erst dann wird der Gehirnbereich durch Koagulation (Verschmelzung) zerstört. Ein anderes Verfahren, bei dem ebenfalls nach der stereotaktischen Methode operiert wird, besteht in der Einführung von Stäbchen, die kleine Mengen des chemischen Elements Yttrium enthalten. Dieser Stoff gibt über eine sehr kurze Entfernung radioaktive Strahlung ab und kann dazu eingesetzt werden, Nervenfasern in einem umgrenzten Bereich zu zerstören. Die Anwendung Stereotaktische Gehirnoperationen werden beim Parkinson-Syndrom, bei Anfallsleiden (Epilepsie), sehr schweren Schmerzzuständen und zur Tumorbehandlung durchgeführt. Allerdings kommen nur wenige Patienten für den chirurgischen Eingriff in Frage. Das Risiko der Nebenwirkungen sollte kalkulierbar sein, und das ist – streng genommen – in nur sehr wenigen Fällen möglich. Die Operation wäre nämlich nicht als Erfolg zu betrachten, wenn der Patient zwar von seinen Depressionen befreit wird, dafür aber unter schweren epileptischen Anfällen und extrem behindernden Gedächtnisstörungen leidet. Dank sorgfältigster Abwägung und der hochgradig verfeinerten psychochirurgischen Methoden unserer Zeit treten im Falle eines Eingriffs Komplikationen nur selten auf. Es besteht gelegentlich ein geringes Risiko, dass es zu epileptischen Anfällen kommt. Aus diesem Grund werden für einige Zeit nach der Operation Medikamente dagegen (Antikonvulsiva) gegeben. Bei einer Minderheit, etwa zehn Prozent der Operierten, wird eine Persönlichkeitsveränderung beobachtet. In der Regel ist sie nur leicht und äußert sich in der Neigung, redseliger, weniger gehemmt oder offenherziger zu sein. Die Intelligenz wird im allgemeinen nicht beeinflusst.

Prognose

Bei fünfzig bis fünfundsiebzig Prozent der Menschen, die sich einer psychochirurgischen Operation unterziehen, hat sich eine erhebliche Besserung eingestellt. Das ist eine bemerkenswert hohe Erfolgsquote angesichts der Schwere der behandelten Krankheiten. Die Besserung im Zustand des Operierten tritt nicht sofort ein, sondern zeigt sich oft erst einige Monate nach der Operation. Bei manchen Patienten ist die Besserung nicht nachhaltig, und es kommt zu einem Rückfall. Damit die Ärzte ein klares Bild vom endgültigen Ergebnis der Operation bekommen, werden sorgfältige Nachuntersuchungen durchgeführt. Alle Ärzte, die sich mit Psychochirurgie befassen, sind darin einer Meinung, dass die Palliative Gehirnchirurgie nur als allerletztes Mittel in Betracht kommen kann. Schließlich werden – wenn auch kleine – Teile des Gehirns für immer zerstört.