Hungern

Während die Bewohner von Industrieländern einen höheren Lebensstandard haben als je zuvor, ist etwa ein Drittel der Weltbevölkerung nach wie vor unterernährt. Tod durch Verhungern ist in vielen Ländern eine reale Bedrohung.

In vielen Teilen der Welt leben die Menschen am Rand des Existenzminimums. Naturkatastrophen und politische Instabilität bringen die Bevölkerung um die wenige, dem Boden abgetrotzte Nahrung. Verheerende Hungersnöte stehen in den Ländern der Dritten Welt nur zu oft am Ende einer Kette von weltwirtschaftlicher Benachteiligung, Verantwortungslosigkeit der politischen Führung und klimatischen Herausforderungen biblischen Ausmaßes.

Den internationalen Hilfsorganisationen ist es gelungen, den Menschen in den Industrienationen die Dringlichkeit des Problems vor Augen zu führen: Den meisten ist heute bewusst, dass der Hunger weltweit eines der größten Probleme ist und dass Hungersnöte mit bestürzender Regelmäßigkeit ganze Stämme und sogar Völker zu vernichten drohen. Vor allem sind es die Kinder – aber auch Alte und Kranke – die auf Grund mangelnder körperlicher Reserven zu Opfern von Hungerkatastrophen werden.

Missernten

Für große Teile der Weltbevölkerung gehören Missernten, vornehmlich verursacht durch Wassermangel, zum allgemeinen Lebensrisiko. Die Ernte eines Jahres kann auch durch Erdbeben, Seuchen oder massenhaftes Auftreten von Schädlingen vernichtet werden. Die Heuschrecken, die in gewaltigen Wolken über weite Teile Afrikas hinwegziehen, können die Ernte in riesigen Gebieten vernichten.

Eine der schwersten Hungerkatastrophen der europäischen Geschichte – die große irische Hungersnot im vorigen Jahrhundert – wurde durch eine Kartoffelmissernte ausgelöst. Kriege und anhaltende innere Unruhen können dazu führen, dass auch ein bis dahin wohlhabendes Land mit stabilen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen von einer Hungersnot heimgesucht wird. Eine besonders verabscheuungswürdige Methode der Kriegführung in neuerer Zeit ist die Vernichtung der Ernte des Gegners mit chemischen Mitteln.

Auswirkungen des Hungers

Es liegt auf der Hand, dass Menschen in unterschiedlichem Maße in der Lage sind, ohne oder mit ganz wenig Nahrung zu überleben. Ein gut genährter Erwachsener wird in aller Regel eine Hungersnot länger und besser überstehen als einer der schon seit Jahren mangelernährt ist – aber gerade dies ist in den von Hungersnöten betroffenen Regionen meist der Fall. Ein normalgewichtiger Erwachsener verfügt über Reserven von etwa 75.000 Kilokalorien in Form von Fett und Eiweiß. Ohne körperliche Anstrengung beträgt sein Energiebedarf etwa 1.500 Kilokalorien täglich, doch verringert sich dieser Bedarf allmählich, wenn das Hungern anhält.

Ein Mensch kann über eine Zeitspanne von rund 50 Tagen von seinen Reserven leben (vorausgesetzt, er nimmt Wasser zu sich); übergewichtige Erwachsene vermögen noch weitaus länger zu hungern. Kinder dagegen überleben nur einen Bruchteil dieser Zeit ohne oder mit ganz wenig Nahrung. Hunger wirkt sich auf die verschiedenen Körperbereiche unterschiedlich aus. Vor allem werden die Fettreserven abgebaut. Schwere Auswirkungen kann jedoch der Verlust der Eiweißreserven haben. Im Gegensatz zum Fett, das in erster Linie als Energiespender dient, ist das Eiweiß für viele Körperfunktionen unerlässlich. Muskulatur, die viel Eiweiß enthält, wird schon sehr frühzeitig abgebaut, weil der Körper ihr Eiweiß für lebenswichtige Prozesse dringender braucht: Das Gehirn muss mit Glukose versorgt werden – ein Produkt, das aus der Umwandlung von Eiweiß entsteht; auch das Immunsystem benötigt ständig diesen unentbehrlichen Stoff.

Wenn das Hungern andauert, passt sich das Gehirn jedoch der Mangelsituation an und arbeitet dann unter Verwertung der Spaltprodukte des Fettabbaus.

Hungersymptome

Das auffälligste Hungersymptom ist der Gewichtsverlust. Normalgewichtige können bis zu einem Viertel ihres Körpergewichts verlieren, ohne ernsthaft geschädigt zu werden. Lebensgefahr besteht bei einer Gewichtsreduzierung von etwa 50 Prozent. Durch den Verlust des Unterhaut-Fettgewebes wird die Haut unelastisch und faltig, das Haar spröde und trocken. Bei anhaltendem Hungern entstehen Ödeme (Schwellungen des Gewebes infolge von Flüssigkeitsansammlung).

Ein Hungerödem tritt auf, wenn dem Blutkreislauf zu viel Eiweiß entzogen wird, das unter anderem die Aufgabe hat, die Flüssigkeit in den Gefäßen zu binden. Die Flüssigkeit verlässt die Blutgefäße und sammelt sich im Gewebe an. Wenn der Eiweißgehalt im Körper kontinuierlich abnimmt, werden auch verschiedene Organe in Mitleidenschaft gezogen. Die Herzwand wird dünner, und es kann zu Herzversagen kommen. Das Herz eines Erwachsenen wiegt etwa 300 Gramm; nach längerem Hungern kann sich dieses Gewicht auf weniger als die Hälfte reduzieren. Auch die Darmwände werden immer dünner, bis sie buchstäblich so dünn wie Papier sind: eine gefährliche Entwicklung, denn der Körper büßt seine Fähigkeit ein, Nahrung zu verwerten, selbst wenn sie wieder zur Verfügung steht. Diese Schädigung des Darms ist mitverantwortlich für schwere Durchfallerkrankungen im Endstadium der Auszehrung, was zu erheblichen Wasser- und Mineralienverlusten über den Darm führt. Die Überlebenschancen sinken in dieser Phase rapide.

Geschädigtes Hormonsystem

Auch das Hormonsystem nimmt Schaden, Männer verlieren ihre Potenz. Der Insulinspiegel ist niedrig, und auch die Schilddrüsenhormone sind in vielen Fällen stark reduziert. Hunger ruft auch tief greifende Persönlichkeitsveränderungen hervor. Die Hungernden sind in einem frühen Stadium in sich gekehrt, reizbar und streitsüchtig. Schließlich verfallen die Hungernden in einen Dämmerzustand, der zu völliger geistiger Verwirrtheit führen kann.

Der Verhungernde hat kaum noch Abwehrkräfte gegen Infekte. Infektionskrankheiten können auch seuchenartig um sich greifen, wenn parallel zur Hungersnot die öffentliche Ordnung zusammenbricht und schlechte hygienische Verhältnisse herrschen.

Soziale Verhältnisse

Von Hunger betroffen sind vor allem Kinder in unterentwickelten Ländern, die aus armen ländlichen Gemeinden oder aus Familien kommen, die in den Slums der Großstädte wohnen. Soziale Verhältnisse dieser Art begünstigen eine Eiweißmangelernährung, die sich in Form von Kwashiorkor oder Marasmus äußern kann. Kwashiorkor tritt vor allem auf, wenn ein Baby entwöhnt und fortan mit einem Grundnahrungsmittel wie Reis oder Maniok ernährt wird. An die Stelle der eiweißreichen Muttermilch tritt somit stark kohlenhydrathaltige Nahrung – trotz ausreichender Kalorienzufuhr entsteht Eiweißmangel. Die Kinder sehen nicht wesentlich abgemagert aus, da Ödeme und Fettablagerungen den Muskelschwund verschleiern.

Marasmus oder Auszehrung entsteht bei genereller Mangelernährung und zeigt sich in allmählichem Gewichtsverlust und Muskelschwund. Sowohl bei Marasmus als auch bei Kwashiorkor kommt es zu einer Fülle zusätzlicher Krankheiten, denen die geschwächten Hungernden in vielen Fällen erliegen.

Behandlung

Die Behandlung bei schwerer Unterernährung besteht grundsätzlich darin, die Betroffenen mit mehr und höherwertiger Nahrung zu versorgen – und vor allem mit Lebensmitteln, die für den geschwächten und durch Hunger geschädigten Organismus verträglich sind. Am besten ist Schonkost, meist auf der Basis von leicht verdaulichen Eiweißen oder Getreideprodukten.

Hungerhilfe

Hilfsprogramme bei Hungersnöten erfordern großen administrativen Aufwand, und die erste Aufgabe einer Hilfsorganisation ist es, für den Transport der Nahrungsmittel in die betroffenen Gebiete zu sorgen. Eine bewährte Hilfsmaßnahme besteht darin, an verschiedenen Orten kleine Krankenhäuser einzurichten. Der Arzt hat in diesen Krankenhäusern oft vor allem die Aufgabe, die Pflegemaßnahmen zu koordinieren und Infektionskrankheiten zu behandeln. Besonders problematisch bei einer beginnenden Hungersnot ist der Umstand, dass die hungrigen Menschen auf der Suche nach Nahrung oft andere Teile des Landes aufsuchen, wo die Hilfsgüter sie nicht erreichen.

Vorbeugung gegen Hungersnöte

Das Problem der Entstehung von Hungersnöten ist vielschichtig, doch in erster Linie ist es wirtschaftlicher Natur. Hungersnöte könnten vermieden werden, wenn nur ein geringer Teil der weltweit zur Verfügung stehenden Hilfsmittel zur Verbesserung der Landwirtschaft und der Wasserversorgung in den am stärksten unterentwickelten Ländern eingesetzt würde. Hier ist die Solidarität der reichen Länder mit den armen gefordert: Sie müssen Hilfe zur Selbsthilfe leisten, ohne neue Abhängigkeit zu schaffen.

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Hi! Ich habe im Moment nicht viel zu sagen. :-)