Bleivergiftung

Die Belastung unserer Umwelt durch Blei ist eines der größten ökologischen Probleme. Bleivergiftungen kommen zwar nicht allzu häufig vor, doch gerade Kinder, deren Organismus noch nicht vollständig entwickelt ist, sind durch das Schwermetall gefährdet.

Blei wirkt im menschlichen Körper immer als Gift und kann ernste gesundheitliche Schäden hervorrufen. Besonders groß ist die Gefahr einer Bleivergiftung für Menschen, die an Blei verarbeitenden Fertigungsprozessen beteiligt sind. Betroffen sind insbesondere Arbeiter, die mit geschmolzenem Blei zu tun haben und in der Batterieherstellung tätig sind. Solche Industriebetriebe können auch für die unmittelbare Umgebung eine Gefahr darstellen.

Vor Jahren litten vor allem auch Maler und Anstreicher an den Auswirkungen dieses Schwermetalls, denn die meisten Farben enthielten Blei. Die heutzutage gebräuchlichen Farben enthalten so gut wie kein Blei mehr. Innenanstriche in Altbauten weisen jedoch häufig einen unzulässig hohen Gehalt dieses Schwermetalls auf.

Kleine Kinder, die ja oft Spielsachen in den Mund nehmen, sind für eine Bleivergiftung besonders empfänglich und deshalb in hohem Grade gefährdet.

Gefährliche Wasserleitungen

Noch zu Beginn unseres Jahrhunderts bestanden die Wasserleitungen in der Regel aus Blei. Heute werden diese Rohre meist aus Kupfer gefertigt. Blei, das sich von den Innenwänden alter Wasserleitungen löst, stellt immer noch eine Quelle von Bleivergiftungen dar. In Regionen mit weichem Wasser sind meist größere Mengen Blei im Trinkwasser gelöst als in solchen, wo das Wasser einen hohen Härtegrad aufweist. Die von hartem Wasser erzeugten Kalkablagerungen in den Rohren verhindern, dass sich das Blei im Wasser löst.

Die größte Gefahr geht für den Menschen gegenwärtig von zugesetztem Blei im Treibstoff für Kraftfahrzeuge aus (es handelt sich dabei um das Antiklopfmittel Bleitetraäthyl). Vor Einführung des bleifreien Benzins entwichen auf diesem Wege jährlich etwa 10 000 Tonnen Blei in die Atmosphäre. Das Blei gelangt über das Blut ins Gehirn. Blei aus Autoabgasen lagert sich auch verstärkt in Pflanzen nahe viel befahrener Straßen ab. Eine Untersuchung ergab, dass der Bleigehalt in den äußeren Blättern von Kohlköpfen zehnmal so hoch war wie in den inneren Blättern.

Bleivergiftung kann die unterschiedlichsten Symptome hervorrufen. Der Betroffene verspürt zunächst uncharakteristische Allgemeinbeschwerden wie Schwäche und Müdigkeit, gekoppelt mit Schlafstörungen, später kann das Nervensystem angegriffen werden (Neuropathie). Werden jene Nerven geschädigt, die die (motorische) Bewegung der Muskeln steuern, so kommt es nach einer „Streckerschwäche“ (Schwächung der Streckmuskeln) am Arbeitsarm zu einer Nervenlähmung, deren Endzustand als „Fallhand “ bezeichnet wird.

Bleivergiftung kann Schmerzen im Unterbauch und Verstopfung verursachen. Es kommt gewöhnlich zu Appetitlosigkeit, und einige Patienten klagen über einen unangenehmen Metallgeschmack im Mund. Langfristig können auch Erkrankungen der Nieren auftreten. Die Bildung von Blutkörperchen ist ein Prozess, der durch eine Bleivergiftung ebenfalls in starken Maße beeinträchtigt wird. Die Folge ist in vielen Fällen Anämie (Blutarmut).

Die genannten Symptome treten auch bei Kindern auf. Hinzu kommen bei ihnen jedoch häufig Wutanfälle, Gewichtsverlust und eine Beeinträchtigung der Bewegungskoordination. Außerdem treten Verhaltensauffälligkeiten wie bei hyperaktiven Kindern auf. Am beunruhigendsten ist jedoch, dass das Kind in seiner geistigen Entwicklung zurückbleiben kann.

Behandlung

Die Behandlung richtet sich nach der Herkunft des Bleis, das die Störungen verursacht hat. Gewöhnlich reicht es aus, die Ursache der Bleivergiftung auszuschalten. In der Industrie wurde das Risiko durch verbesserte Arbeitsschutzmaßnahmen auf ein .Minimum beschränkt.

Ist das Blei erst einmal in den Körper gelangt, lagert es sich in den Knochen ab, die dann als eine Art Bleireservoir fungieren. Das Schwermetall gelangt aus diesem „Lager“ auch dann noch in den Blutstrom, wenn die Quelle der Vergiftung längst beseitigt worden ist. Das wiederum bedeutet, dass der Bleigehalt im Blut keine eindeutigen Rückschlüsse •auf den Bleigehalt im Körper ins gesamt zulässt. Blei, das sich im Blutkreislauf befindet, kann über die Nieren ausgeschieden werden

Es ist möglich, die Bleiausscheidung durch Medikamente zu erhöhen. Die Präparate bewirken, dass sich größere Mengen dieses Metalls im Blut lösen; dadurch wird dann auch das Bleireservoir in den Knochen abgebaut.

Prognose

Kinder, die eine Bleivergiftung erlitten haben, sind gesundheitlich außerordentlich stark gefährdet. Das Gehirn eines Heranwachsenden wird sehr viel leichter durch Blei geschädigt als das vollständig entwickelte Gehirn eines Erwachsenen. Bei bis zu 40 Prozent der betroffenen Kinder bleiben die Neigung zu Wutanfällen und die geistige Zurückgebliebenheit bestehen.

Man weiß nicht, ob Kinder, die eine Bleivergiftung erlitten haben, jemals geistig voll leistungsfähig sein werden. Bei Erwachsenen sind die Folgen in der Regel nicht so schwerwiegend. Mit der Einführung des bleifreien Benzins wurde in vielen Industrieländern mittlerweile ein erster Schritt in Richtung auf eine Verringerung der immensen Bleibelastung getan. Mitentscheidend für diese Maßnahmen waren alarmierende Hinweise darauf, dass die im Körper von Kindern festgestellten Bleikonzentrationen, die früher von Wissenschaftlern als unbedenklich eingestuft wurden, tatsächlich bereits zu einer geringfügigen, aber messbaren Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung führen können.

Verhaltensstörungen

Im Rahmen einer in den Vereinigten Staaten durchgeführten Studie an Kindern wurde der Bleigehalt in den Milchzähnen gemessen, nachdem diese ausgefallen waren. Da Blei sich in den Zähnen auf die gleiche Weise ablagert wie in den Knochen, erhielt man durch diese Untersuchungsmethode sehr genaue Aufschlüsse über die Bleibelastung des Körpers. Es stellte sich heraus, dass Kinder mit dem höchsten Bleigehalt in den Zähnen am stärksten zu Verhaltensauffälligkeiten neigten, die denen hyperaktiver Kinder (im Volksmund „Zappelphilipp“ genannt) ähnelten.

Zudem bestand ein erheblicher Unterschied im Intelligenzquotienten zwischen Kindern mit der geringsten Bleibelastung, die die höchsten Intelligenzquotienten hatten, und Kindern mit einer hohen Bleibelastung. Bei den Betroffenen handelte es sich um normal entwickelte Kinder, bei denen der Bleigehalt des Blutes überwiegend im Rahmen der als normal geltenden Werte lag.