Wolf in Weiß – eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

Schwule Kurzgeschichten

Diese bizarre kleine Weihnachtsgeschichte schrieb ich für die „Pink Christmas 5“ Ausgabe des Himmelstürmer-Verlags. Viel Spaß!

– Wolf in Weiß –

von Akira Arenth

Ein ratterndes Geräusch weckte mich mitten in der Nacht. Ich öffnete die Augen und sah meinen eigenen Atem in einer wabernden, kleinen Wolke über mir schweben. Das Mondlicht erhellte den hohen Raum und brach sich an den breiten Holzbalken der Decke. Die spärlich befeuerten Kachelöfen waren lange ausgekühlt und zu allem Überfluss stand mein Bett direkt am Fenster, was die frostigen Nächte noch unangenehmer machte. Normalerweise hätten mich keine zehn Pferde aus den Laken bekommen, doch die gedämpften Laute der Neuankömmlinge beunruhigten mich so sehr, dass ich einen Blick wagen wollte.

Mühsam erhob ich mich aus dem kargen Anstaltsbett und spürte dabei jeden einzelnen meiner Knochen. Die dreißig anderen Männer in meinem Saal schliefen tief und fest. Kein Wunder. Nach den dreizehn Stunden schwerer Zwangsarbeit, die wir beinahe täglich zu verrichten hatten, war jeder von ihnen froh, wenn er seinen Kopf auf ein strohgefülltes Kissen betten konnte. Leise stieg ich das morsche Podest hinauf und blickte aus dem vergitterten Fenster. Es schneite. Ein seltsames Gerät mit großen Rädern stand auf dem Innenhof. Neben ihm eine Kutsche und mehrere Reiter. Das Gefährt in der Mitte musste ein Dampfwagen sein. Ich hatte davon gehört und einmal gab es ein Bild in der Zeitung. Doch wer konnte sich eine solche Maschine leisten? Der Direktor vielleicht …

Mehrere Männer mit schweren Koffern versammelten sich, schwerfällig durch den Pulverschnee stapfend, vor dem großen, verriegelten Burgtor, welches sogleich geöffnet wurde. Einer der Männer klappte den breiten Kragen seines dunklen Mantels herunter. Er nahm seine Mütze ab, entblößte strohblonde Haare und blickte wahllos die Mauer hinauf. Plötzlich starrte er direkt in meine Richtung. Hastig drehte ich mich zur Seite.

Hatte er mich gesehen?

Die Richtlinien der Bettruhe waren mehr als eindeutig. Wenn dieser Mann mich beim Aufseher … nein. Ich legte meine linke Hand auf mein hämmerndes Herz und beruhigte mich selbst. Die Schlafsäle lagen im dritten Stock, allerhöchstens hatte er einen groben Umriss erkannt und die einheitliche Kleidung würde meine Anonymität zusätzlich verstärken. Es gab keinen Grund zur Sorge.

Als ich einen weiteren Blick wagte, waren die Herrschaften bereits verschwunden.

Der Morgen im Arbeitshaus begann früh um 5:30 Uhr, im Sommer sogar eine halbe Stunde eher. Der Aufseher schloss, von einem knackenden Geräusch begleitet, den Riegel unseres Saales auf und orderte uns im Kasernenton aus den muffigen Strohbetten. Trotz meiner jungen 24 Jahre, schmerzte mein Rücken wie bei einem alten Tattergreis. Zwar war ich erst fünf Monate in der sogenannten Korrektionsanstalt, doch jeder Tag kam einem vor wie Wochen.

Das ehemalige Benediktinerkloster, welches von einer vier Meter hohen Ringmauer umgeben war, beherbergte heute, im Dezember 1912, über siebenhundert Inhaftierte. Bettler, Landstreicher, Prostituierte, Zuhälter und Fürsorgeempfänger. Wir alle waren von der Polizei aufgegriffen und im Schnellverfahren verurteilt worden. Die Häftlinge waren keine Schwerverbrecher, sondern zumeist harmlose Vagabunden, die von Amtsrichtern gemäß Strafgesetzbuch zu einer zeitlich unbegrenzten Haftstrafe wegen Bettelei, oder Landstreicherei verurteilt worden waren. Die Höchststrafe auf dem Papier lag dabei bei zwei Jahren, doch in der Realität sah es anders aus. Wir waren der Willkür der Direktoren und Anstaltsleiter ausgesetzt, die unsere kostenlose Arbeitskraft durchaus zu schätzen wussten.

Hier, in der Anstalt Larau, mussten die Vagabunden während einer korrektionellen Nachhaft, die sich direkt an die eigentliche Haftstrafe anschloss, unter Gefängnisbedingungen Zwangsarbeit leisten. Wie und warum wir auf der Straße gelandet waren, interessierte niemanden.

Sobald wir die Bettlager aufbereitet und uns notdürftig mit einem kratzigen Lappen in einer Schüssel kaltem Wasser gewaschen hatten, zogen wir unsere graugrüne Arbeitskleidung über und marschierten in Zweierreihen in den Speisesaal.

Die spärlich gefütterten Wollhemden wärmten nur wenig und so war ich froh, mich bewegen zu müssen, um die aufsteigende Lähmung der Kälte in meinen Füßen zu vertreiben.

Die Gruppe meines Saales bestand aus jungen Männern, bis maximal 35 Jahren. Viele waren schon über vier Jahre hier, offensichtlich wollte die Leitung sie bis zur völligen Erschöpfung ausnutzen. Geistig Verwirrte und gebrechliche Männer wurden separiert, ältere nach körperlichem Zustand geordnet.

Ich fühlte mich elend, wie eigentlich jeden Morgen, doch heute war es wieder besonders schlimm. Die strikten Regeln verboten jeden Kontakt zwischen den Inhaftierten, daher wusste ich wenig über die desillusionierten Gesichter um mich herum. In seltensten Fällen wechselten wir ein paar Worte in der Nacht, wenn die Wärter vor der Tür standen, doch die meisten waren zu müde, um sich lange wach zu halten.

Müde begaben wir uns hinter die aufgereihten Bänke und leierten im Chor das eintönige Gebet herunter, als alle anwesend waren. Dann durften wir uns setzten und kollektiv die alltägliche, fade Haferschleimsuppe in uns hinein schlürfen.

Durch die Einheitskleidung, den erzwungenen Haarschnitt bei der Aufnahme und die wöchentliche Rasur, sahen wir uns alle recht ähnlich. Meine schwarzen Haare waren zum Glück nicht ganz so kurz geschoren worden, da ich weder Läuse, noch Flöhe hatte und in den bisherigen Monaten konnten sie bereits einige Zentimeter nachwachsen. Trotzdem war ich ein Schatten meiner Selbst. Die harte Arbeit zehrte an mir wie ein unersättlicher Blutegel, ich war äußerlich bereits um Jahre gealtert. Die launischen Wärter gaben mir psychisch den Rest.

Johann Borheck stand in der Ecke, er war der Schlimmste von allen und ausgerechnet mein Stationsaufseher. Er grinste zu mir herüber, denn er freute sich jeden Tag darauf, mich quälen zu können. Jeden Tag fragte ich mich, was dieser Kerl wohl machen würde, wenn es keine Anstalten wie diese mehr gab. Ich blickte in eine andere Richtung, dabei fiel mir mein hagerer Banknachbar auf, welcher bewegungslos, mit halb geschlossenen Augen in seine volle Schüssel starrte. Alles was ich von ihm wusste, war, dass er Friedrich hieß und ungefähr in meinem Alter sein musste. Sein Blick war leer, als würde er durch den Tisch hindurch auf den Boden schauen.

„Iss. Gleich ist die Zeit vorbei“, flüsterte ich unauffällig zu ihm hinüber und stupste ihn leicht mit dem Ellenbogen an.

Er drehte das Gesicht zu mir, langsam, beinahe unmerklich und lächelte kraftlos, während er sacht den Kopf schüttelte. Dann schob er mir seine Schüssel zu und starrte wieder auf den Boden. Noch bevor ich reagieren konnte, stand Borheck hinter ihm und stieß dem Häftling in den Rücken.

„Du dreckiger Tölpel willst dein Essen nicht? Geht es dir zu gut hier bei uns?“, raunte er ihm zu, doch der dünne junge Mann antwortete nicht. Ich sah wie seine Unterlippe zu zittern begann, doch er biss die Zähne zusammen, als der Wärter ihn erneut anstieß.

„Du musst doch aber bei Kräften bleiben …“, fügte Borheck mit einem widerlichen Unterton an und bleckte die Zähne. Dann nahm er die Schüssel und kippte den erkalteten Schleim über den Kopf des Inhaftierten.

Während meinem Banknachbarn wimmernd eine Träne über die eingefallene Wange lief, lachte Borheck wie ein läufiger Ziegenbock und ging zurück an seinen Platz. Die Grausamkeit der Aufseher war für uns allgegenwärtig, trotzdem erstaunte mich ihre Herzlosigkeit jeden Tag aufs Neue.

Das schrille Läuten einer Glocke ließ uns alle zusammenzucken. Spätestens jetzt waren auch die Letzten wach.

Die Tür zum Speisesaal öffnete sich und der Direktor trat hinein. Hinter ihm einige Polizisten, Wärter und fremde Männer, in gut sitzenden Anzügen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Plötzlich erkannte ich auch den blonden Mann unter ihnen, den ich in der Nacht zuvor auf dem Hof gesehen hatte. Hastig schaute ich nach unten, als sein Blick durch den Saal glitt. Trotz der Kälte begann ich augenblicklich zu schwitzen.

`Er wird dich nicht erkennen! Wenn du dich unauffällig verhältst, hast du nichts zu befürchten` beruhigte meine innere Stimme mein Herz. Ich musste ihn anblicken wie alle Anderen, dann würde nichts geschehen! Während ich mich langsam zwang, wieder zur Tür zu schauen, vernahm ich einen eigenartigen Nelken-Geruch und bekam beinahe einen Herzinfarkt, als der Fremde plötzlich dicht vor mir stand. Um seinen Hals hing eine schmale Brille an einer Kette, seine feinen, stahlblauen Augen taxierten mich feindlich.

„Waren Sie das?“, fragte er streng mit seiner kratzigen Baritonstimme und zeigte auf den wimmernden Friedrich neben mir.

„N… nei… nein“ stammelte ich und sah, dass er mir nicht glaubte. Borheck stand keine zwei Meter von uns entfernt, doch er grinste nur hämisch und sagte nichts. Er wusste, ich durfte ihn nicht beschuldigen, selbst wenn alle am Tisch Zeuge gewesen waren. Der große Blonde zog die Stirn in Falten, was sein ebenmäßiges, fein geschnittenes Gesicht ein wenig menschlicher erschienen ließ.

„Ich denke, wir haben einen ersten Kandidaten“, knurrte er dann zu seinen Kollegen. „Mach das sauber“, raunte er nur noch zu mir und wandte sich dann ab.

Mein Herz schlug mir bis zum Hals und beruhigte sich auch nicht, als die fremden Männer bereits einige Meter entfernt mit dem Direktor auf der Ankündigungs-Bühne standen.

Das Mikrofon schnarrte ohrenbetäubend pfeifend, als der beleibte Anstaltsleiter dagegen schnippte. Dann räusperte er sich und begann konzentriert zu sprechen.

„Bevor wir mit der heutigen Arbeit beginnen, habe ich eine Bekanntmachung zu verlesen. Diese Herrschaften hier sind uns zugeteilt worden, um die psychologische Betreuung in unserem Hause zu verbessern. Die Doktoren werden sich in den nächsten Wochen während des Tagesablaufes ein Bild von allen Insassen machen, Auffälligkeiten notieren und Therapie- sowie Behandlungspläne festlegen. Damit niemand hier eine bevorzugte Behandlung erfährt, erfolgt keine Freistellung während der Arbeitszeit. Die Sitzungen finden jeweils am Abend statt, um Simulanten, die sich vor ihren Aufgaben drücken wollen, vorzubeugen.“

Wie viele andere konnte ich nicht fassen, was ich da gerade hörte. Jeden Tag schufteten wir uns bis 19 Uhr die Hände und Füße blutig, hatten nur eine halbe Stunde Hofgang, in welcher wir monoton im Kreis laufen mussten und nun sollten wir in der wenigen freien Zeit die uns blieb, zu einer Therapie?

Die strengen, emotionslosen Gesichter der Doktoren ließen erahnen, dass die Sitzungen bei ihnen keine schöne Erfahrung werden würde. In ihren maßgeschneiderten, grauen Anzügen wirkten sie kalt, abschätzig und herzlos.

Der Direktor sagte noch einige Worte, bevor er das Podium wieder verließ, doch ich hörte nicht mehr zu, sondern malte mir grausame Experimente aus, die mich erwarten würden.

Unsere Arbeit konnte stumpfsinniger nicht sein. Monotones Hartholzraspeln, Stein- und Steinbrucharbeiten, stundenlanges, stupides ins Nichts laufen in der burgeigenen Tretmühle. Nach meiner Einweisung hatte ich schnell gelernt in meine Traumwelt zu versinken, während ich meine Aufgaben erledigte. So taten es die meisten hier, denn es war der einzige Weg, sich von all dem Grauen zu distanzieren.

Man durfte sich jedoch nichts anmerken lassen. Bekamen die Aufseher mit, dass man nicht bei der Sache war, drohten schmerzhafte Hiebe mit dem Stock, Verbrennungen oder Nächte ohne Bettzeug und Matratze. Heute schlug ich im Steinbruch alle drei Versuche daneben. Schnee rieselte unaufhörlich hinab, was es noch erschwerte, die einzelnen Brocken ausfindig zu machen. Meine Finger waren taub von der eisigen Kälte, doch wenigstens spürte ich so meine verhärteten Schwielen nicht.

Früher hatte ich mich immer auf die weihnachtlichen Festtage gefreut. Meine Eltern behängten den Baum in der Stube mit reichlich Gebäck, Zuckerzeug und bunten Papierschnitten. Sogar Süßkartoffeln nahm meine Mutter zum dekorieren. Meine jüngere Schwester Osanna war bereits Wochen vorher ein Musterbeispiel an Tugendhaftigkeit, nur um den Eltern zu imponieren und später das meiste vom Gabentisch essen zu dürfen. Ich hasste sie jedes Jahr dafür. Heute wünschte ich mir nichts sehnlicher, als noch einmal mit ihr um die besten Lebkuchen zu streiten.

„He, soll ich dir Beine machen?“, riss mich Borhecks garstige Stimme aus den Gedanken, während er wie eine Ratte die Mauer entlang lief, rauchte und natürlich meine Fehlschläge bemerkte. „Sieh zu, dass du den Stein klein kriegst, sonst lasse ich dich mit der Handkante schlagen, bis sie dir bricht!“ Sein widerliches Lächeln war wie ein Blick in eine offene Wunde.

„Verzeihen Sie bitte, ich will mich mehr bemühen!“, sagte ich jedoch kleinmütig und hackte energischer.

Wie sehr hasste ich mich selbst, für das was ich geworden war. Früher, als Geselle in der Mühle meines Vaters, arbeitete ich ebenfalls hart, widersprach nie und verrichtete fromm alle mir aufgetragenen Aufgaben, doch ich ließ mich niemals beleidigen, oder nahm Ungerechtigkeiten wortlos hin. Im Gegenteil, wenn ich sah, dass ein Unterlegener Hilfe brauchte, war ich sofort zur Stelle. Nichts hätte meinen Gerechtigkeitssinn trüben können, doch wenn man ein paarmal willkürlich fast zu Tode geprügelt wurde, weil man es wagte, einem Wärter die Meinung zu sagen, hörte man irgendwann auf zu widersprechen. Seitdem schaute ich weg, wenn etwas Ungerechtes geschah und gab feige Antworten, um den Zorn der Wärter nicht zu entfachen.

Borheck kniff seine kleinen Schweinsäuglein zusammen und stapfte die Mauertreppe hinab in den Pulverschnee des Innenhofes. Grundlos hieb er mir sein Gewehr in die Kniekehlen und trat mir in den Magen. Ich hustete Blut in die weißen Flocken, meine Sicht verschwamm und ich krümmte mich wie ein Wurm über dem Boden.

„Sieht aus, als bräuchtest du ein Schläfchen, Hundsfott. Vielleicht solltest du den direkten Weg nach unte…“

„Was ist hier los?“, unterbrach ihn plötzlich eine kratzige Stimme, während ich Schritte näher kommen hörte.

„Der Landstreicher träumt, statt zu arbeiten!“, verteidigte Borheck sein Handeln und wollte gerade noch einmal nachtreten, als der Mann ihn erneut ablenkte.

„Er wird mit gebrochenen Rippen nicht besser, oder schneller arbeiten. Sie beschädigen nur das Eigentum der Anstalt, unterlassen Sie das und bringen ihn in meinen Therapieraum!“

Das letzte Wort ließ mich stutzig nach oben schauen, ich erkannte die Umrisse des blonden Doktors. Meine Lunge stach furchtbar, als mich zwei Männer unter den Armen nach oben zogen und zurück ins Gemäuer schleiften.

Der weiß gekachelte Raum stank nach Desinfektionsmitteln. Drei grelle Glühlampen beleuchteten das fensterlose Zimmer, was äußerst ungewöhnlich war, denn bisher wurde im gesamten Haus mit traditionellen Öllampen Licht erzeugt. Man schnallte mich auf eine Art Liege, genaueres konnte ich noch immer nicht erkennen.

„Danke. Sie dürfen gehen“, sagte der Arzt nur knapp und schloss die Tür. Dann schritt er bedächtig langsam auf mich zu. Mein Puls raste, doch meine Hände waren in Lederriemen fixiert und das künstliche Licht brannte grell in meinen Augen. Ein Schatten beugte sich über mich und wieder vernahm ich den eigenartigen Geruch von etwas Scharfem und Nelken. Es musste das Rasierwasser des Blonden sein.

„Schließen Sie ihre Augen und antworten Sie ehrlich.“ Ich hörte, wie er einen Stuhl herbei zog und sich setzte. „Name?“, kam die erste monoton vorgelesene Frage.

„Robert … Robert Albrecht“, stammelte ich, noch immer vor Schmerzen leidend.

„Alter?“, schallte direkt die nächste Frage.

„Vierundzwanzig.“

„Weswegen verurteilt?“

Ich stockte kurz. Erst nach einigen Sekunden Stille antwortete ich beschämt: „Landstreicherei …“

„So so …“, konstatierte der Arzt trocken. „Keine Verwachsungen, keine Behinderung. Wie landet ein so junger Mann auf der Straße? Sicher hätten Sie leicht eine Anstellung als Lehrling finden können. War es nun also schlichte Faulheit, oder …?“

„Ich … ich war Geselle …“, keuchte ich mich windend in der Dunkelheit „… in der Mühle meines Vaters.“

Stille kehrte ein. Ich spürte obwohl ich meine Augen geschlossen hielt, wie der Mann mich mit seinen Blicken musterte. Trotzdem beruhigte sich mein Herz und Melancholie schwang in meiner Stimme mit. „Es gab … eine Mehlexplosion … nur meine Schwester und ich … sind noch übrig.“

Der Doktor brummte teilnahmslos, hob mein Hemd und befühlte plötzlich grob meine lädierte Seite, bis ich aufschrie.

„Nichts gebrochen, nur eine Prellung. Trotzdem machen wir eine vollständige Visitation. Können Sie wieder sehen?“

Langsam öffnete ich meine Augen und blinzelte der grellen Lampe entgegen. Ich legte meinen Kopf zur Seite und erkannte das Gesicht des Arztes direkt vor meinem.

Er saß auf einem Hocker direkt neben der Liege, hinter ihm eine weiß geflieste Wand mit seltsamen Metallgegenständen. Der Raum erinnerte mich an das Schlachthaus unseres Dorfes. Sein stechender Blick musterte mich, wie ein Familienerbstück, dann bewegte er seine Hand, als würde er winken.

„Sehen Sie das?“

Ich nickte.

„Gut, Sie scheinen nicht mit dem Kopf aufgekommen zu sein.“

Dieser Mann konnte kaum älter als Vierzig sein, seine kurz geschorenen Seiten waren von einzelnen, grauen Härchen durchzogen, sein strohblondes Haupthaar etwas länger als üblich, mit Wachs in Form gebracht. Nur eine einzelne Strähne hing widerspenstig vor seiner Brille, was seinem sonst so stoischen Gesicht beinahe etwas wie Charme verlieh.

Ich bemerkte, dass ich ihn anstarrte und drehte mich hastig beschämt zur Seite.

„Dr. Wolfgang Beitler.“

„Wie bitte …?“

„Das ist mein Name, Sie sollten ihn sich merken.“

Ich kam mir unglaublich dumm vor und stammelte nur ein verschämtes „Jawohl“ vor mich hin. Ich spürte, wie er die beiden Riemen an meinen Händen löste. Dann stand er auf und setzte sich an einen metallenen Schreibtisch, gegenüber der Pritsche. Er schlug eine Akte auf und notierte einige Worte.

„Stellen Sie sich hier auf das Kreuz und entkleiden Sie sich“, befahl er trocken, ohne aufzusehen.

Ich erhob mich langsam und blickte in dem klinischen, kalten Raum umher, der mir eine immer gröbere Gänsehaut verpasste.

„Ist das Ihr Therapiezimmer?“, fragte ich fröstelnd.

Dr. Beitler schaute abschätzig über den Rand seiner Brille, ohne den Kopf zu heben. Sein Blick war so despektierlich, als hätte ich ihn nach seinem Stuhlgang gefragt.

„Was sollte es wohl sonst sein?“, raunte er nur kratzig und widmete sich dann wieder seinen Papieren.

Ich tapste etwas unbeholfen auf den Schreibtisch zu, als ich ein aufgemaltes Kreuz auf dem Boden davor erkannte. Ich war Leibesvisitationen bereits gewohnt, auch das Nacktsein vor anderen Männern trieb mir normalerweise keine Scham ins Gesicht, doch bei diesem Arzt war das etwas anderes.

Sein Schreibtisch war ordentlich, beinahe akribisch sortiert. Einzig und allein ein großes Glas grau-grüner Kugeln mit der Aufschrift: „Stollwercksche Brustbonbons“ störte dieses klassische Bild.

Er erhob den Kopf, nahm die Brille ab und legte den Stift beiseite, als ich mich vollständig entkleidet hatte. Er sagte nichts, hustete, nahm sich einen der gepuderten Bonbons aus dem Glas, verschränkte die Arme und schaute mich ungeniert an, ohne eine Miene zu verziehen.

„Hände an die Seite“, schalt sein nächster Befehl knapp, jedoch weniger kratzig. Mein kümmerlicher Versuch, die letzte Privatsphäre zu verdecken, scheiterte also ebenfalls.

Sobald ich meinen Penis entblößt hatte, starrte er darauf, als würde er mich kastrieren wollen. Trotz der kühlen Luft im Zimmer, wurde mir schlagartig heiß. Meine Blicke irrten haltlos umher, beunruhigt verlagerte ich das Gewicht meines Körpers von einem Fuß auf den anderen.

„Was haben Sie und Ihre Schwester getan, nachdem die Mühle abgebrannt war? “

Wie konnte er eine solche Frage stellen, wenn ich nackt vor ihm stand? Als ich nicht sofort antwortete, wurde er lauter.

„Schauen Sie mir in die Augen und antworten Sie.“

Dieser Kerl war unglaublich.

„Wir hatten nichts und niemanden mehr“, verteidigte ich mich „Alles was wir noch besaßen, war die Kleidung an unserem Leib. Meine Schwester versuchte sich als Küchenhilfe, bewarb sich als Magd, doch niemand wollte sie ohne Bürgen einstellen. Ich hatte dasselbe Problem. Wir zogen von Stadt zu Stadt, doch so wie wir aussahen, ließ uns keiner ins Haus.“

„Umdrehen.“

Langsam hatte ich das Gefühl, als würde er mir überhaupt nicht zuhören, doch irgendwie war ich erleichtert, dass ich ihn nicht mehr sehen musste. Die kühlen Fliesen des Bodens leiteten ihre Kälte unaufhörlich in meinen ungeschützten Körper. Ich begann zu zittern.

„Der Akte entnehme ich, dass Sie in einer Scheune aufgegriffen wurden, zu der Sie sich unbefugt Zutritt verschafft haben.“

„Wir mussten doch irgendwo schlafen …“, verteidigte ich mich vehement „Die Scheune stand leer und war mitten im Feld. Wir wollten wirklich niemanden stören.“

„Landstreicher stören immer. Allein ihr Anblick ist eine Beleidigung für das kultivierte Auge.“ Die dunkle Stimme des Arztes wirkte jetzt beinahe bedrohlich. Sein Standpunkt war klar und er besaß keinerlei Mitgefühl für meine Lage.

„Wo ist Ihre Schwester jetzt?“, hakte er plötzlich nach.

„Das weiß ich nicht“, log ich.

„Sie wissen es.“

Seine Selbstsicherheit schien grenzenlos zu sein.

„Wenn Sie mir sagen, wo sich Ihre Schwester befindet, verspreche ich Ihnen, wird es nicht zu Ihrem Nachteil sein und ich werde Sie auch nicht einweisen lassen. Sie haben mein Wort.“

Normalerweise würde ich niemandem Glauben schenken, der mir so etwas sagte, doch der Arzt hatte etwas, das ich selten in anderen Menschen sah. Ehre.

Nein, er würde nicht lügen. Das war unter seiner Würde.

„Wir wollten nach Lamendorf, man sagte uns, dort gäbe es Arbeit für mich und ein Frauenhaus, das jungen Mädchen wie ihr half. Sicher ist sie dorthin gegangen.“

Der Wolf nickte nur und notierte einige Zeilen.

„Gut, dann sollte sie nicht allzu schwer zu finden sein.“

In diesem Moment schrillte die Glocke des Arbeitsendes. Dr. Beitler schob sich seine Brille auf die gerade Nase, schaute grimmig auf seine Taschenuhr und runzelte die Stirn. Er notierte noch einige Worte in seine Papiere und schloss die Akte. Dann stand er wortlos auf und kam auf mich zu. Ich wankte ein Stück zurück, als er sich dicht vor mich stellte, doch er kam jedesmal nach, bis sich unsere Haarspitzen beinahe berührten. Sein Rasierwasser stieg mir erneut in die Nase, ich erkannte einen metallischen Geruch von Alkohol, doch die Nelke blieb vorherrschend. Aus seinen geschlitzten Augen schaute er auf mich herab, denn er war gute 15 Zentimeter größer als ich.

Plötzlich erkannte ich etwas in seinem Blick. Er sagte nichts, doch allein sein warmer Atem auf meinem Gesicht jagte mir Schauer über den Rücken. Er hob seinen Arm und strich mit seiner linken Hand über meine rechte Brustwarze, welche aufgrund der Kälte hart empor ragte.

Ich biss die Zähne zusammen und versuchte seinem Blick stand zu halten. Er taxierte meine Augen, jede Bewegung in meinem Gesicht, studierte mich regelrecht, während seine Finger sanft über mich kreisten. Ich hatte das Gefühl, er würde mir immer näher kommen, oder bildete ich mir das ein?

Seine Lippen waren so dicht an meinen, das ich seine Bartstoppeln fühlte, doch ich wagte es nicht, mich zu bewegen.

„Weiß jemand davon?“, fragte er monoton.

Ich wusste nicht was er meinte, bis er mit seinem Zeigefinger mein aufgerichtetes Geschlecht anschnippte, ohne seine Augen von meinen zu lassen. Ertappt zuckte ich zusammen und keuchte kurz auf. Mein Kopf lief vor Scham so heiß an, das ich befürchtete, er würde dampfen.

„Niemand“, flüsterte ich, doch ich wusste nicht einmal wirklich, was er genau meinte.

„Ziehen Sie sich an und gehen Sie essen. Morgen waschen und rasieren sie sich und stehen um exakt 20 Uhr wieder vor meiner Tür. Ihr Etagenaufseher bekommt von mir Bescheid und wird Sie eskortieren.“

Mit diesem Satz drehte er sich um, wusch sich in einem kleinen Metallbecken die Hände und verließ den Raum.

Die ganze Nacht tat ich kein Auge zu. Was war das gewesen? Warum verspürte ich bei dieser Demütigung eine solche Erregung? Die Kälte kroch unerbittlich unter meine dünne, gesteppte Decke, trotzdem war mir ungewöhnlich warm.

Die Augen dieses Manns waren wie seelenloses Eis, trotzdem verbarg sich hinter seinem gleichmütigen Gesicht etwas tief Verborgenes. Wie ein Raubtier, das zum Sprung ansetzt. Hatte ich vielleicht sogar einen Funken Begierde entdeckt? Nein, das konnte nicht sein. Ein Mann wie er … oder doch?

Ich blickte aus dem Fenster, es schneite unaufhörlich, wie so oft kurz vor den Feiertagen. Eigentlich war es völlig egal, welche Ambitionen der Doktor hatte. Viel wichtiger erschien mir die Frage; wie lange würde ich wohl noch in diesen Mauern bleiben müssen? Was geschah danach?

Meine Situation würde sich keinen Deut bessern, wenn ich das Arbeitshaus endlich verlassen durfte und die meisten der Männer und Frauen saßen nicht zum ersten Mal hier. Draußen gab uns niemand eine Chance, wir wurden zurück in unsere alten Kleider gesteckt und dem Schicksal überlassen.

„Du musst zum bösen Wolf …?“, fragte mich plötzlich eine flüsternde Stimme von der Seite.

Ich konnte nicht erkennen wer es war, doch über die Bezeichnung musste ich grinsen.

„Warum böser Wolf?“

„Wolfgang Beitler“, flüsterte die Stimme unruhig „Weißt du nicht, was man über ihn redet? Wundert mich nicht, das sie den hier abgeschoben haben“, flüsterte die Stimme verschwörerisch und die knarzenden Geräusche des Bettes verrieten mir, das er sich zu mir drehte.

„Der Wolf ist ein blutrünstiges Monster. Seine Experimente enden immer mit dem Tod des Patienten, doch die Obersten lassen ihn weitermachen, denn es sind ja nur Nutzlose wie wir, die dafür ihr Leben geben müssen. Selbst der Vatikan missbilligt seine Vorgehensweise und die sind selbst sonst nicht zimperlich, wie du weißt.“

Nun wurde mir doch Angst und Bange. Wenn dieser Kerl recht hatte, war ich das nächste Opfer des Wolfes.

Der Morgen begann wie jeder andere. Vor Sonnenaufgang aufstehen, reinigen und in Zweierreihen zum Saal hinunter. Zum Glück gab es keine Spiegel, die mir bestätigten, wie müde und fertig ich mich fühlte.

Als ich auf der Bank saß und meinen alltäglichen Haferschleim in mich löffelte, erkannte ich Friedrich auf der gegenüberliegenden Bank. Er wirkte beinahe wie benebelt, die Augen halb geschlossen, den Kopf leicht wankend. Ich traute mich kaum ihn anzusehen und auch die anderen ignorierten ihn.

Heute hatte ich Dienst in der Tretmühle, das war mir ganz recht, es war wärmer als im Hof und ich brauchte mich beim Laufen nicht zu konzentrieren, solange meine Hände an der Stange lagen. Da ich völlig in meinen Gedanken versunken war, verging die Zeit deutlich schneller als sonst.

Als die Mittagsglocke läutete, marschierten wir über den Hof zurück in den Speisesaal, dort erkannte ich etwas im Matsch, halb eingeschneit. Ich blieb stehen, blickte mich um und hob die Hand in Richtung der Wärter. Einer von ihnen kam auf mich zu und schnauzte mich an.

„Was willst du?“

„Verzeihen Sie bitte. Da hinten liegt eine Jacke, ich befürchte es könnte meine sein, als ich gestern dort stürzte.“

Der Aufseher erinnerte sich, dass ich am Vortag von zwei Leuten hinein getragen worden war und nickte nur brummend.

„Mach hin, das geht von deiner Zeit ab.“

Eilig rannte ich durch den Schnee, entdeckte die Jacke und zog daran. Was ich sah, war schlimmer, als ich befürchtet hatte.

Es war Friedrich, der in der Jacke steckte. Sein Gesicht war im Schneematsch vergraben, Neuschnee hatte seinen Körper so gut wie bedeckt. Sein Gesicht war blau und leicht aufgequollen, die Augen geöffnet. Doch er lächelte.

Friedrich Ziesler hatte seit Tagen nichts gegessen. Er war zum vierten Mal in Larau gewesen und konnte kaum noch beurteilen, wo es schlimmer war. Auf der Straße, wo ihn die Leute angeekelt anstarrten, bespuckten, verprügelten, oder hier in der Korrektionsanstalt, wo ihm die tägliche Zwangsarbeit, die Demütigung und die Wärter das Leben zur Hölle machten.

Einer der Männer flüsterte es in die Runde, doch niemand fühlte sich für Friedrich verantwortlich. Ich selbst hatte in den letzten Monaten kaum einen vollständigen Satz mit ihm gewechselt, doch es war offensichtlich, dass es ihm, so wie vielen anderen hier, nicht gut ging. Sein Gesicht wollte mir nicht aus dem Kopf. Der diensthabende Aufseher hatte ihn einfach liegen gelassen, als er mitbekam, das er zusammengebrochen und gestorben war. Wahrscheinlich schmissen sie seinen Körper gerade feixend in die Grube.

Als unsere Schicht vorbei war, saß ich beim abendlichen Brot mit Suppe am Tisch und schaute mich um. Bisher hatte ich die Haft als ein zeitlich begrenztes Übel gesehen, nahm mich emotional davon zurück, doch das Ereignis mit Friedrich öffnete mir mehr und mehr die Augen. Wir alle würden hier, oder draußen auf der Straße, sterben.

Am Morgen hatten einige Häftlinge die weihnachtliche Dekoration aufgehangen. Abgenutzte Papierschleifen, ausgeblichene Kordeln, Tannenzweige. Zur Feier würden wir jeder am 24. eine Apfelsine und vielleicht ein paar Kekse zum Frühstück bekommen, danach ging der Alltag weiter.

Ich muss hier raus!, hämmerte es immer und immer wieder in meinem Schädel. In den deprimierten Gesichtern um mich herum schien jede Hoffnung verloren, sie hatten aufgegeben, sich in ihr Schicksal ergeben. So wollte ich nicht enden. Ich wollte mein Leben in den Griff bekommen, Osanna wiederfinden und endlich von vorn beginnen.

Nur wie?

Plötzlich kam mir ein Gedanke. Der Wolf!

Ja, er hatte einen grausamen, sadistischen Ruf, doch da war etwas in seinen Augen. Nicht nur Verachtung und Abschätzigkeit, da war eine Art tiefe Neugier.

Ich weiß nicht, warum ich so impulsiv reagierte, als er mir am Vortag gegenüberstand und ich konnte seine Reaktion auch nicht gänzlich einschätzen, doch ich würde keine Schwäche mehr zeigen! Bisher hatten seine Patienten sicher immer die passive Opferrolle eingenommen, wie würde er wohl reagieren, wenn ich nicht verschämt, sondern fordernd war? Dieser Arzt war ein Ticket. Entweder in die Freiheit, oder in den Tod. Ich blickte verschämt auf die große Uhr an der Wand. Halb Acht, ich hatte also noch eine halbe Stunde, bevor ich ihn wiedersah.

Als wir in unsere Schlafsäle geführt wurden, stellte sich jeder an seinen Waschtisch und reinigte sich notdürftig. Ich putzte mir jedoch äußerst penibel die Zähne und kämmte meine dunklen Haare, als hätte ich ein Vorsprechen beim Direktor.

Punkt 20nUhr kam Johann Borheck in den Raum und orderte mich vor die Tür.

„Albrecht! Sieh zu, dsas du raus kommst, der Doktor wartet!“, sagte er mit einem ekelhaften Grinsen und stieß mir das Gewehr in den Rücken. Ich versuchte mich gerade zu halten und schnell vorwärts zu gehen, damit er nicht noch einmal die Gelegenheit dazu bekam.

„Na, hast dich schick gemacht für die Arschkrämerei?“, lachte er vulgär und machte eindeutige Bewegungen mit seinen Fingern. Ich wusste, das es das Beste war, nicht darauf einzugehen und schnell in den Behandlungsraum zu gelangen, doch Borheck ließ nicht locker.

„He, hörst du nicht? Antworte, wenn ich dich etwas frage! Oder bist du genauso taub wie dumm?“

„Tut mir leid, ich weiß nicht …“ in diesem Moment öffnete Dr. Wolfgang Beitler die Tür und kam uns im Flur entgegen.

„Wenn ich Acht sage, meine ich nicht Fünfzehn nach Acht!“, knurrte er, wand seine Rüge jedoch erstaunlicherweise an den Aufseher und nicht an mich.

Borheck runzelte die Stirn und stieß mich erneut an. „Er war nicht fertig, aber wenn Sie es wollen, schleife ich ihn nächstes Mal nackt her.“

Der Wolf sah ihn prüfend an und schob mich ins Zimmer. „Vielleicht sollten Sie mehr Zeit darauf verwenden, Ihre Termine einzuhalten, statt mit den Häftlingen zu sprechen. Ich habe Sie bis ins Büro gehört.“

Borheck schluckte nur und ließ sich wortlos die Tür vor der Nase zuknallen. Jetzt war ich es der grinste.

„Ein furchtbar unhöflicher Mensch“, raunte der Doktor und setzte sich hinter den Schreibtisch. Auch heute sah er wieder unverschämt gut aus. Über einem neuen, maßgeschneiderten Anzug hing ein weißer Kittel, doch die Art, wie sich das Hemd über seine Brust spannte, ließ mich schlucken.

„Ziehen Sie sich aus“, raunte sein erster Befehl.

Diesmal tat ich es ohne zu zögern. Sobald ich nackt war, fiel mir auf, dass es im Zimmer nicht ansatzweise so kalt wie am Vortag war. Ob er mein Zittern bemerkt hatte?

Der Wolf nahm sich einen seiner mir bereits bekannten Kräuterbonbons, zog sich ein paar weiße Gummihandschuhe über, kam auf mich zu, hob mein Kinn, schaute mir in den Mund und tastete meine Seiten ab.

„Umdrehen. Hände hinter den Kopf.“

Mir wurde mulmig.

Seine Daumen drückten über meine Wirbelsäule, dann fasste er um mich herum und fuhr die Kerben meiner Lenden nach. Ich spürte, wie sein dicht hinter mir stehender Körper Hitze ausstrahlte, ohne mich direkt zu berühren. Seine Hände tasteten sich weiter nach oben, berührten meine empfindlichen Brustwarzen, während ich seinen Atem in meinem Nacken spürte. Jetzt lag es an mir. Initiative!

Trotz des riesigen Kloßes in meinem Hals, lehnte ich mich langsam nach hinten und schmiegte meinen Körper an den des Doktors. Er hielt still. Ein Teilsieg?

„Was genau soll das werden?“, fragte er plötzlich finster.

Verdammt. Habe ich sein Verhalten fehlinterpretiert?, schoss es mir plötzlich durch den Kopf.

„Entschuldigen Sie, ich … ich habe keinen guten Gleichgewichtssinn.“

Das erschien mir eine passable Ausrede zu sein. Der Wolf ließ mich los, ging zur anderen Seite des Zimmers und verschränkte die Arme. Dass er mich von so weit weg beobachtete, während ich nackt vor ihm stand, war nach wie vor unangenehm.

„Was haben Sie mit Ziesler gemacht?“, fragte er plötzlich.

Langsam dämmerte mir, warum ich wirklich da war.

„Ziesler …?“, fragte ich trotzdem zaghaft nach.

„Friedrich Ziesler. Sie haben ihn zuerst gedemütigt und dann ermordet, warum?“

Ich schluckte schwer. Das konnte er doch unmöglich glauben! Ich wollte die Hände nach unten nehmen, um mich zu erklären, doch sobald ich sie bewegte fuhr er mich an:

„Ich habe nichts davon gesagt, das Sie Ihre Position verändern dürfen! Antworten Sie auf meine Frage.“

Mein Herz schlug so stark, dass ich Angst bekam, es würde mir aus der Brust springen. „Ich habe nichts getan!“

Beitler schnaufte, nahm sein Klemmbrett und notierte etwas.

„Als ich Sie zum ersten Mal sah, hatten Sie dem armen Mann seine Frühstücksschüssel über den Kopf gekippt. Borheck berichtete, dies wäre nicht das erste Mal gewesen, das Sie ihn gequält haben. Kurz darauf erwischt man Sie mit seiner Leiche.“

„Ich habe Friedrich nie etwas getan!“, rief ich nur wimmernd und spürte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen. „Borheck quält uns alle, aber wenn wir etwas sagen, werden wir nur noch mehr mit Strafen belegt.“

Doktor Wolfgang Beitler schnalzte nur abschätzig mit der Zunge und verdrehte die Augen.

„Es ist mir bekannt, dass die Aufseher ihren Status oft ausnutzen, da unterscheidet sich diese Haftanstalt nicht von den anderen. Aber sie sind in der Regel nicht daran interessiert, oder befugt, Gefangene zu quälen.“

„Johann Borheck ist daran sehr interessiert und ob er eine Befugnis dazu hat, kümmert ihn überhaupt nicht, da können Sie jeden hier fragen“, platzte es plötzlich aus mir heraus

Der Wolf blickte mich seltsam an. Meine harsche Antwort schien ihn zum Nachdenken anzuregen.

Er drehte sich um und holte einige metallische Instrumente aus dem Schrank. Als ich das Messer in seiner Hand erkannte, wurde mir schlecht.

Er zog einen weißen Vorhang zurück, den ich aufgrund der weißen Umgebung bisher gar nicht wahrgenommen hatte. Dahinter verbarg sich eine Wanne aus Metall, einige Seifen in einer Schüssel und daneben standen zwei Krüge mit Wasser auf einem weißen Tisch.

„Hier.“ Er reichte mir schwungvoll das Messer. „Rasiere dich vollständig, ab dem Hals abwärts. Deine Haare stören eine eingehende Untersuchung.“

Ich schluckte schwer und nahm das Klappmesser an mich. Noch nie zuvor hatte ich mich rasiert, es war nicht üblich und außerdem empfand ich meine Körperbehaarung sowieso als bescheiden. Da der Doktor mich nur mit einem fordernden Kopfnicken zur Seite wies, tat ich jedoch wie mir geheißen.

Ich hockte mich in die Wanne, goss etwas von dem kalten Wasser über mich und versuchte einen Aufschrei zu unterdrücken. Ich hasste kaltes Wasser.

Als ich die scharfe Klinge vorsichtig über die Haut zog, fühlte ich mich ungeschützter wie je zuvor. Im dürftige Schaum der Seife kratzte das Messer über die Stoppeln, bis nur noch ein Schatten zu sehen war.

Der Wolf stand vor mir und beobachtete jede meiner Bewegungen, doch als ich mich abspülte, zischte er nur vorwurfsvoll durch seine geraden Zähne.

„Haben Sie nicht etwas vergessen?“

Ich blickte an mir herab. Ich besaß keine Haare auf der Brust, meine Scham hatte ich vollständig entfernt. Etwa die Beine?

„Ihr Po“, schollt er mich augenverdrehend.

Blut schoss mir erneut in den Kopf. Warum wollte er, das ich meine Kehrseite rasierte? Bevor ich fragen konnte, reichte er mir erneut das bereits abgelegte Messer und wandte seine Aufmerksamkeit auf den Inhalt eines Schrankes.

Unbeholfen hockte ich mich tiefer und schäumte meine Backen ein, bevor ich langsam über die Rundungen fuhr, um die feinen Härchen auch hier zu entfernen.

Als ich endlich fertig war, blickte ich auf und erschrak. Der Doktor hielt eine metallene Spritze in der Hand, groß wie der Unterarm eines Kindes. Zwar war an ihrer Front eine hautfarbene Gummikanüle statt einer Nadel befestigt, doch ihre gesamte Erscheinung war wenig beruhigend.

„Umdrehen und auf alle Viere“, ertönte sein eindeutiger Befehl, ohne auch nur die Chance auf Gegenwehr.

Ich zögerte, doch was brachte es mir, mich zu weigern? Er konnte die gesamte Belegschaft der Wärter dazu auffordern, mir mit zehn Händen die Backen zu spreizen, wenn er es wollte, also tat ich es lieber selbst.

„Wie Sie wünschen …“, sagte ich also nur kleinlaut und drehte mich an der leeren Wanne.

Ich blickte ihm aus den Augenwinkeln hinterher, als er sich umdrehte und aus dem Schrank einen Stutzen hervorzog, welcher zu einem großen Glasballon führte. Aus diesem zog er die Spritze mit einer transparenten, sämigen Flüssigkeit voll, zirka eine Tassenmenge. Dann drehte er sich wieder zu mir, lies etwas vom Inhalt auf mein Rektum tropfen, verteilte das rutschige Gel grob und schob dann die Kanüle hinein.

Es war das erste Mal, dass ich diesen Muskel nicht als Ausgang nutzte, das Gefühl war seltsam. Ich kam mir furchtbar entwürdigt vor, mehr als jemals zuvor, als er den gesamten Inhalt der kalten, glibbrigen Masse in mich spritzte.

Danach zog er das gummierte Teil einfach wieder heraus und raunte nur beiläufig; „Lassen Sie es drin“, als wenn ich eine Wahl gehabt hätte!

Wäre ich in dieser Position geblieben, ja, vielleicht. Doch als er mich forderte aufzustehen, wusste ich um die Unmöglichkeit dieser Aufgabe. Bereits beim ersten Schritt spürte ich, wie das durch meine Körpertemperatur flüssiger werdende Gel an meinen Beinen entlang lief. Als der Doktor dann auch noch ein ungefähr ein Quadratmeter großes, weiß gepolstertes Holzbrett auf den Boden legte, auf welches er einen konvex abgerundeten Zylinder schraubte, rutschte mir beinahe der gesamte Inhalt der Spritze heraus. Ich wusste, was dieser Mann vorhatte, doch die Ausmaße dieses fein säuberlich polierten Marterpfahls, ließen mir das Herz in die nicht vorhandene Hose rutschen.

„Aufsitzen. Vielleicht sagen Sie mir die Wahrheit, wenn Sie sich in einer etwas außeralltäglichen Position befinden.“

Das ging mir nun doch zu weit. Ich gestand mir selbst ein, dass ich diesen Arzt, wenn er überhaupt einer war, attraktiv fand. Hätte er mich aufgefordert, mit ihm Sex zu haben, wäre das etwas menschliches gewesen und ich hätte vielleicht sogar Gefallen daran gefunden. Doch mir vor ihm einen künstlich geschnitzten Penis einzuführen, wo ich noch nie auch nur einen Finger eingeführt hatte, sprengte die Grenzen meiner Scham.

„Ich … ich kann das nicht“, stotterte ich beängstigt. So viel zu meinen Vorhaben, fordernd und impulsiv zu sein.

Der Wolf taxierte meinen Blick und schob mir das Brett mit dem Fuß entgegen.

„Sie können und Sie werden. Ich habe Ihnen ein Gleitmittel gespritzt, das außerdem krampflösend wirkt. Sie müssten die Wirkung bereits spüren.“

Tatsächlich fühlte ich nur noch, wie es in immer dickeren Fäden aus mir heraus lief. Was für ein sadistischer Mistkerl.

Ich kniete mich über das Gerät, mein Kopf war rot wie eine Tomate. Ich stellte mich offenbar so unbeholfen an, das Beitler schließlich mit dem Ansatz eines süffisanten Lächelns zu mir kam und sich vor mich hockte.

„Schauen Sie mich an“, sagte er kratzig, trotzdem ich den Geruch des Kräuterbonbons vernahm.

„Ich … habe noch nie …“

„Ich weiß.“

Der Wolf hob mein Kinn und kam so dicht, das sich unsere Nasenspitzen beinahe berührten. Zwei Strähnen seiner sonnengelben Haare fielen vor seine Brille, seine Augen wirkten verengt, beinahe gierig. „Ich werde Ihnen dabei helfen.“

Als er mich an den Schultern dirigieren wollte, hielt ich mich aus Reflex an seinen Armen fest. In diesem Moment starrte er mich an, stand abrupt auf und drehte sich zu seinem Schreibtisch um.

Was denn jetzt? Hab ich etwas falsch gemacht?

Sein beinahe geschocktes Gesicht, als ich ihn berührte, machte mir Angst. Er kramte etwas aus seiner Schublade, doch ich konnte nicht erkennen, was genau. Schwungvoll kam er zurück, stellte sich hinter mich und zog meine Arme auf den Rücken. Im nächsten Moment spürte ich, von einem ratternden Geräusch begleitet, wie metallene Handschellen eng um meine Arme einrasteten.

Der Doktor stellte sich vor mich, die Nähe von vor ein paar Minuten wich jetzt wieder kaltem Abstand. Er verschränkte die Arme und schaute auf mich herab, als sei ich ein Insekt auf dem Küchenboden.

„Halten Sie sich gerade“, sagte er so monoton, als würde er gerade seine Steuererklärung machen.

Unbeholfen rutschte ich hin und her, die Handschellen an meinen Händen schnitten ins Fleisch, doch als ich mich aufrichtete, schaffte ich es, die Spitze des hölzernen Pfahls in mich zu führen. Es fühlte sich seltsam an. Das Gel betäubte die äußeren Nerven, doch die Dehnung war grenzwertig.

Ich keuchte, wimmerte, empfand die Situation als furchtbar degradierend, doch mein Schwanz bäumte sich immer gerader nach oben und strafte mein Gehirn Lüge. Je tiefer ich sank, desto mehr verschwamm meine Sicht. Mein Blick haftete an der weißen Decke, deren einzelne Stuckplatten kaum noch zu erkennen waren.

„Haben Sie Friedrich Ziesler getötet?“

„Nein!“, jammerte ich herzerweichend.

Plötzlich fühlte ich eine gummierte Hand an meiner Härte. Der Doktor stand dicht vor mir und starrte mich erneut mit seinen undurchdringlichen Augen an. Seine Finger strichen sanft über meine pulsierenden Adern, bis ich mich langsam entspannte.

„Tiefer“, raunte er kratzig hervor, während er seine Unterarme auf meinen Schultern ablegte. Sein Gesicht wieder so nah an meinem hypnotisierte mich, sein Geruch lullte mich ein, bis ich mich im Blau seiner Augen verlor.

Bevor ich mich versah, verlagerte er sein Gewicht nach vorn und drückte mich unaufhörlich nach unten. Meine Knie gaben nach, mein Körper zitterte. Mit offenem Mund zog ich die Luft ein, als dieses große, harte Ding vollständig in mir versank.

Mein Atem stockte, ich hatte das Gefühl zu zerreißen, die Hitze strömte unaufhörlich in mich. Ich konnte nicht mehr. Ich brauchte Halt. Dieser unmenschliche Akt eines so emotionalen Spiels zerfraß meine Seele.

Ich blickte nach vorn, Tränen standen in meinen Augen, ich war so kurz davor, verzehrte mich nach Nähe. Schließlich ruckte ich nach vorn und während der Schwall aus meinen Lenden schoss, küsste ich Doktor Beitler.

Der Wolf tappte nach hinten, noch während meine letzten Schwälle versiegten. Sein geschockter Blick verriet mir, dass er trotz seiner provokanten Nähe nicht mit solch einer Reaktion gerechnet hatte. Er wirkte überrumpelt, beinahe perplex.

Er schaute an sich herunter und bemerkte sein von mir besudeltes Hemd. Er versuchte sichtlich die Fassung zu wahren, nur konnte ich nicht erkennen, ob er gegen einen Wut-, oder einen Erektionsanfall kämpfte.

„Tun Sie so etwas nie wieder!“, keuchte er nur und verschwand hinter dem weißen Vorhang der sanitären Ecke.

Ich hörte, dass er sich reinigte und nutzte die Zeit, um von dem Holzpflock runter zu kommen.

Quälend langsam ließ ich das Teil aus mir herausgleiten und fiel erschöpft zur Seite, auf den harten, kalten Boden.

Noch immer hatte ich den Geschmack von süßen Kräuterbonbons auf den Lippen, Nelken benebelten meine Sinne. Der Kuss war kurz, doch sein fester, heißer Mund brannte in meinen Gedanken.

Wuchtige Schritte kamen auf mich zu. Beitler löste die Handschellen mit einer schnellen Bewegung und schmiss mir meine Sachen entgegen.

„Anziehen und dann raus!“, bellte er fahrig, bevor er sich an den Schreibtisch zurücksetzte. Er blickte mich nicht mehr an, begann wie besessen zu schreiben und sagte auch nichts, als ich schließlich den Raum verließ.

Dieser Mann war mir ein Rätsel. Zum Ende hin kam es mir beinahe vor, als hätte er sich mehr geschämt, als ich. Dabei müsste ich vor Scham im Erdboden versinken, dass ich bei all der Tortur auch noch einen Orgasmus bekommen hatte.

Ich konnte mir nicht erklären warum, aber der böse Wolf erschien mir eher neugierig als verschlagen. Auch war seine Art nicht unhöflich, oder beleidigend, wie es die Wärter pflegten. Er bewahrte in jeder Situation die Contenance, beinahe wagte ich es zu behaupten er sei irgendwie scheu. Er wirkte verstört, schon als ich nur seine Arme berührt hatte und der Kuss warf ihn völlig aus der Bahn.

Konnte sich dieser Mann überhaupt vorstellen, begehrt zu werden? Vielleicht war dies wirklich etwas völlig Unerwartetes für ihn? Andererseits war seine Reaktion mehr als eindeutig gewesen, als er mir sagte, ich solle so etwas nie wieder tun.

Also wer weiß … vielleicht war er auch vergleichbar mit einem sadistischen Kind, welches mit Freude einen Käfer füttert, dabei gütig lächelt und diesen im nächsten Moment genüsslich zerdrückt, wenn er ihm sein Vertrauen schenkt? Es schauderte mich bei diesem Gedanken und ich stellte mir zwangsweise vor, wie von einem elendigen Quieken begleitet, meine Rippen gleich der Schale eines Käfers zerbersten würden.

Ich schüttelte mich innerlich und drehte mich auf die andere Seite meines schmalen Bettes. Es war der 23. Dezember, morgen würde der Tag sicher nicht ganz so schlimm werden, wie die restlichen, doch ich bekam Angst vor meiner abendlichen Sitzung mit Dr. Beitler. Andererseits, warum sollte er zu Weihnachten im Arbeitshaus sein?

An diesem Feiertag ließ uns die Anstaltsleitung ein klein wenig länger schlafen. Um Acht holten uns die Wärter aus den Schlafsälen, in geordneten Zweierreihen, wie üblich.

Im Speisesaal lag, wie erwartet, auf jedem Platz eine Apfelsine, die Menschen stürzten sich darauf wie die Tiere. Es war erlaubt zu reden und zum ersten Mal spürte ich so etwas wie verhaltene Freude im Raum. Es war auch das erste Mal, das ich zu Weihnachten allein war. Ohne meine Eltern, ohne meine Schwester. Osanna … was sie wohl an diesen kalten Tagen tat? Ob sie es doch noch geschafft hatte, eine Bleibe, oder eine Arbeit zu finden? Ich dachte an ihre nervige Stimme, wenn sie mich am Weihnachtsabend auf Trab hielt und lächelte, während mir eine Träne die Wange hinunter lief. Ich vermisste sie furchtbar.

„He, so glücklich über das Obst hab ich noch niemand gesehen. Warte wenigstens, bis du sie gekostet hast“, raunte mir mein älterer Banknachbar zu und klopfte mir grinsend auf die Schulter. Ich schälte das orange Rund und ließ mir die Vitamine den Hals hinab gleiten. Es tat so gut, mal wieder etwas Frisches zu essen. Danach wurde der Haferschleim ausgeteilt. Keine Kekse, doch wenigstens hatten sie ihn mit Zimt bestreut.

Als ich mich umblickte, fiel mir neben der bereits bekannten, farbentsättigten Dekoration ein Tannenbaum auf. Dieser war mit kleinen Keksen und Gebäck behangen, doch mein Nachbar stieß mich erneut an, als ich zu sabbern begann.

„Starr doch nicht so. Die können wir erst heute Abend pflücken und dann musst du schnell sein, denn die Ersten stecken sich immer die größten Stücken ein.“ Er sagte das mit einem Ernst, der an den Krieg erinnerte.

Nach dem Frühstück mussten wir alle wieder an die Arbeit, von weihnachtlichem Zauber war keine Spur mehr zu fühlen. Die Wärter verhielten sich jedoch ruhiger als sonst, manche waren sogar regelrecht freundlich, beinahe etwas rührselig. Wie ich von den anderen erfuhr, sollten wir heute alle recht früh in die Schlafsäle gesperrt werden, damit alle Angestellten zu ihren Familien gehen konnten. Es blieben nur wenige von ihnen in der Anstalt. Der Direktor und die Doktoren schienen bereits abgereist zu sein, zumindest sah man sie nirgends.

Nach dem Hofgang dauerte die zweite Arbeitsschicht nur bis 17 Uhr. Danach bekamen wir richtiges Hühnerfleisch mit Klößen und Rotkohl und zu guter Letzt, durften wir in wildem Gerangel den Weihnachtsbaum stürmen.

Ich bekam die Hälfte eines Lebkuchens ab, nachdem ich das Gebäck einem Jüngeren vor der Nase weggeschnappt hatte. Jeder verzehrte schnell seine Eroberung, bevor sie ihm jemand anderes aus der Hand reißen konnte. Die Wärter sorgten nur bedingt für Ordnung, mehr belustigten sie sich darüber, dass wir uns wegen der paar jämmerlichen Kekse stritten.

Johann Borheck hatte sich den ganzen Tag über verdächtig ruhig verhalten, doch als wir in den Schlafsaal geführt wurden, nahm er mich harsch beiseite und legte mir Handschellen an.

„Glaub ja nicht, dass du deiner Behandlung entkommst Bürschchen. Ich habe den Befehl, dich sofort ins Therapiezimmer zu bringen, der Doktor scheint böse auf dich zu sein.“

Ich schluckte schwer. Also war es doch meine zweite Befürchtung, die sich nun bewahrheiten würde.

„Los schneller!“, keifte mich Borheck an und schubste mich unsanft voran. „Wegen dir lasse ich mich nicht nochmal verwarnen, also lauf!“

Mit einem harschen Klopfen kündigte er seine Ankunft an, öffnete die Tür und stieß mich ins Therapiezimmer. Ein anderer junger Mann stand im Raum, offenbar war ich nicht mehr Dr. Beitlers einziger Patient. Borheck nahm den mir unbekannten Häftling entgegen und schlug die Tür hinter mir zu.

Der Wolf saß in seinem weißen Kittel wie so oft an seinem Schreibtisch und notierte etwas in die Akten, als wäre es ein Tag wie jeder andere. Der Raum roch nach Desinfektionsmitteln, nichts erinnerte daran, was gerade für ein Feiertag war. Ich konnte nicht fassen, dass draußen die Menschen freudig in ihren Stuben saßen, mit ihren Liebsten speisten und feierten, während sich ein Mann wie der Doktor freiwillig im Zuchthaus aufhielt und seiner Arbeit nachging.

„Guten Abend …“, sagte ich vorsichtig leise, von einem leichten Räuspern begleitet, um die unangenehme Stille zu durchbrechen. Dr. Beitler hob nur die Hand mit gespitztem Zeigefinger, ohne mich anzuschauen. Offensichtlich hatte er gerade etwas wichtiges im Kopf, das er nicht vergessen wollte, während er eifrig schrieb.

Etwas nervös trat ich von einem Fuß auf den anderen. Das Zimmer war noch wärmer als zuvor, das Licht erschien mir nicht mehr ganz so grell, doch vielleicht hatte ich mich auch einfach daran gewöhnt. Gemütlich war es jedoch lange noch nicht.

„Wissen Sie, was mein Fachgebiet ist?“, riss mich der Wolf aus meinen Gedanken. Ich zuckte zusammen, blickte nach vorn, doch er sah weiter auf sein Papier und schrieb.

„Nein“, antwortete ich leise und schämte mich für mein Unwissen. Sicher hatte er, oder der Direktor es mal erwähnt.

„Sozialpsychologie“, raunte er schnaufend, legte seinen Stift beiseite und nahm die Brille herunter, während er sich den Nasenrücken rieb. Anscheinend taten ihm die Augen weh.

„Warum arbeiten Sie an Weihnachten?“, platzte ich plötzlich heraus und bereute im selben Moment, den Mund aufgemacht zu haben. Als er mich verstört ansah, entschuldigte ich mich. „Verzeihen Sie bitte. Es steht mir nicht zu, so etwas zu fragen.“

„Da haben Sie recht! Es steht Ihnen nicht zu“, er hustete kurz, klopfte sich gegen die Brust und nahm sich wie gewohnt einen der graugrünen, mit weißem Puderzucker bestäubten Bonbons aus dem großen Glas.

Was hätte ich dafür gegeben, so einen auch einmal zu probieren. Im Schaufenster eines Ladens hatte ich früher welche gesehen, doch sie waren zu teuer, als das meine Familie sie sich hätte leisten können.

Dr. Beitler bemerkte meinen schmachtenden Blick, als er das Glas wieder sorgfältig schloss.

„Um auf mein Fachgebiet zurückzukommen …“, begann er bedeutungsschwanger zu erzählen „Es gibt viele Männer und Frauen in dieser Einrichtung, die für gutes Essen oder Geld einen Mord begehen würden. Es ergibt sich für mich jedoch kein logischer Grund, warum sich ein mittelloser Häftling über einen anderen hermachen sollte.“ Beinahe wollte ich aufatmen, weil ich dachte, eine solche Schlussfolgerung würde mich entlasten, doch dann fuhr der Wolf fort: „In Ihrem Fall scheinen die Beweggründe jedoch andere zu sein. Sie reagieren außerordentlich sensibel auf männliche Reize, erigieren beinahe zwanghaft bei analer Stimulation, selbst wenn diese schmerzhaft ist. Ich muss also davon ausgehen, das Sie bei Herrn Ziesler schlichtweg niedere Bedürfnisse hatten, die aufgrund seiner Ablehnung schließlich zu öffentlicher Demütigung und danach zu seinem Tod führten.“

Ich war zu einer Salzsäule erstarrt. Die Worte drangen in meine Ohren, doch mein Verstand wollte sie nicht verarbeiten.

Beitler setzte erneut seine Brille auf und blätterte in seinen Akten. Er legte einen Brief mit staatlichem Siegel auf den Tisch.

„Ist Ihnen bekannt, dass wir nach geltendem Recht und psychologischem Gutachten einen Insassen, der des Mordes für schuldig befunden wird, exekutieren müssen? Ich habe die Freigabe in Ihrem Fall bereits vorliegen.“

Ich wusste nicht, ob ich lachen, schreien, oder losbrüllen sollte. Ich konnte nicht fassen, was ich da hörte. Ich? Ein Mörder? Jeder, der mich kannte, wusste, dass eine derartige Behauptung absurd war, doch der Doktor schien von meiner Schuld überzeugt zu sein. Friedrich wurde ohne Obduktion in den Graben geworfen, zu all den anderen Opfern der Justiz. Niemand würde sich die Mühe machen, den armen Kerl wieder herauszuziehen und festzustellen, woran er wirklich gestorben war. Nicht für einen Streuner wie mich.

„Friedrich hat … tagelang … nichts gegessen. Er wollte sterben, er hielt es nicht mehr aus. Ich … ich habe ihm nie etwas getan. Als ich … ihn fand … war er bereits steif.“ Tränen rollten meine Wangen hinunter, Verzweiflung überkam meine Sinne, ich begann zu schluchzen und sackte zusammen. „Bitte, Sie müssen mir glauben! Ich habe ihm nichts getan!“, rief ich unter wimmernden Lauten aus und bat den Wolf auf Knien.

Beitler schaute mich überrascht an. Eine solche Reaktion hatte er von einem Mörder wohl nicht erwartet.

„Beruhigen Sie sich und legen Sie sich hin“, sagte er nur und zeigte auf die Behandlungsbank, auf welcher ich zum ersten Mal in diesem Zimmer die Augen geöffnet hatte.

Ich wusste, dass ich keine Chance hatte. Wenn er mir keinen Glauben schenkte und dazu schien er nicht fähig zu sein, dann war ich so gut wie tot. Hastig schaute ich mich nach den Fenstern um, doch diese waren, so wie alle anderen, vergittert. Die Flure von Wachen patrouilliert, vielleicht stand Borheck mit gezogener Waffe sogar direkt vor der Tür. Selbst eine Geiselnahme kam mir kurz in den Sinn, doch mit den Händen in Handschellen vor meinem Bauch, würde das ein schwieriges Unterfangen werden, zumal Beitler deutlich trainierter und größer als ich war. Ich schluchzte verzweifelt, erhob mich und legte mich schließlich auf die Pritsche.

Was solls? Du hättest sowieso keine Zukunft mehr gehabt, selbst wenn du dieses Gefängnis irgendwann verlassen könntest. Wer stellt schon einen obdachlosen Ex-Häftling ein?

Bedachte man die Umstände, war der Tod vielleicht noch die gnädigere Wahl und während ich in Selbstmitleid versank, spürte ich kaum, wie der Wolf meine Beine mit weißen Gurten fixierte. Viel mehr als die Angst vor dem Tod, wog jedoch meine Scham. Ich wusste, dass ich nur eines seiner Experimente war und trotzdem hatte ich mir eingebildet, er könne tief in seinem Inneren etwas für mich empfinden. Noch schlimmer; ich hatte mich wahrhaftig in diesen weißen Teufel verliebt und war ihm nicht einmal böse.

Als er an meiner linken Hand angelangt war, realisierte ich meine zunehmende Bewegungslosigkeit. Panik kam in mir auf.

„Nein, bitte! Es muss doch irgendetwas geben, das ich tun kann? Es ist Weihnachten! Sie können doch niemanden an diesem Tag hinrichten? Das ist grausam!“

„Wäre es Ihnen lieber, wenn Sie noch einmal in ihr Bett am Fenster der zugigen Wand zurückkehren? Die Nacht durchheulen und immer mehr Angst bekommen? Zu wissen was geschieht würde Sie mehr zermürben, als es direkt hinter sich zu bringen. Sie hatten doch einen verhältnismäßig angenehmen Tag, etwas Gutes zu essen. Das sollte das Letzte sein, woran sie sich erinnern.“

Mein Herz hämmerte, schlug so stark gegen meine Brust, als würde es herausspringen wollen. Wie konnte er nur so kalt sein? War sein Herz aus Eis? Da kam mir plötzlich eine Idee.

„Darf ich … einen letzten Wunsch äußern?“

Beitler seufzte und stoppte die Fixierung meines Oberkörpers. „Nach dem Gesetz steht Ihnen ein letzter Wille zu, insofern dieser nicht die Hinrichtung beeinträchtigt.“

Zaghaft sah ich ihm in die Augen und nahm all meinen Mut zusammen. „Ich weiß, es ist eine vermessene Bitte … aber … ein einziges Mal möchte ich Sie küssen, ohne dass Sie sich mir entziehen.“ Hoffnungsvoll schaute ich ihn an, man sah förmlich, wie es hinter den verengten Augen des blonden Mannes ratterte. Ich erblickte einen seltsamen Ausdruck in seinem Gesicht. War es ein Anflug von Zweifel? Er schaute auf den gegenüberliegenden Tisch mit den Instrumenten, zögerte, schnaufte unentschlossen und fuhr sich durch die Haare. „Das ist ein äußerst … ungewöhnlicher … kühner Wunsch. Sie wissen, dass ich ihn abschlagen und später behaupten könnte, sie hätten sich einen meiner Bonbons erbeten?“

Meine Tränen versiegten, als ich die unterschwellige Zustimmung in seiner Tonlage erkannte. Sein Ausdruck hatte sich völlig verändert.

„Aber das würden Sie nicht tun, denn es wäre gegen Ihre Ehre als Arzt, einem Todgeweihten den letzten Willen abzuschlagen, nicht wahr?“, dabei fuhr mir plötzlich sogar ein Lächeln über die Lippen.

Genau dies schien ihn nun völlig zu verwirren, beinahe zu verunsichern. „Warum wollen Sie so etwas?“, fragte er schließlich ruhig und lehnte sich mit den Ellenbogen auf die Kante der weiß gepolsterten Liege.

Warum ich das wollte? Ich wusste überhaupt nichts mehr, nur das ich in wenigen Sekunden diese Welt verließ. Das Letzte, woran ich mich erinnern würde, sollte nicht die kalte, weiße Decke sein, sondern der Kuss eines Menschen, den ich begehrte, auch wenn dieser meine Gefühle nicht erwidern konnte.

„Ich … ich weiß es nicht. Aber ich weiß … dass es mich glücklich machen würde.“ brachte ich nur hervor.

Doktor Beitler erhob sich von seinem Stuhl, er drehte sich um und fuhr sich unmerklich mit dem Arm über die Augen. Er schnaufte tief, zögerte kehrte dann jedoch zu mir zurück und beugte sich schließlich über mich.

Plötzlich spürte ich keine Angst mehr.

Ich stützte mich mit dem freien Arm hoch und als meine Lippen die seinen berührten, verschwand die Zeit um mich herum. Zaghaft hob ich die Hand, umfasste seinen Nacken und zog ihn zu mir herunter. Sein sanft würziger Nelkengeruch benebelte meine Sinne, der Geschmack von Kräutern und Menthol mischte sich in meinen Speichel, als seine feuchten, festen Lippen über die meinen rutschten. Meine Finger durchfuhren seine dicken Haare, meine Zunge drang immer wieder in ihn ein, bis er zurückstieß, mich mit seiner penetrierte. Ich biss zärtlich in seine Lippen und als ich sein tiefes, grunzendes Stöhnen zwischen den Küssen hörte, verließ meine rechte Hand seine Haare, um zwischen seine Beine zu packen.

Als ich den großen, schweren Phallus spürte, welcher hart und gerade nach vorn ragte, keuchte ich hell auf.

Ein Stich in meiner linken Seite ließ mich meine Augen öffnen und als ich die Nadel in meinem Arm erkannte, verschwamm bereits meine Sicht. Alles begann sich zu drehen, Farben flossen ineinander, Hitze stieg in mir auf.

Während ich den immer langsamer werdenden Schlag meines Herzens spürte, hörte ich die letzten, leisen Worte des Doktors.

„Hab keine Angst.“

Dunkelheit. Kälte.

Als ich die Augen öffnete, sah ich schwarz. War ich tot? War ich im Himmel? Oder der Hölle?

Ich hatte keine Zeit gehabt, meine Sünden zu beichten und für meine unreinen Gedanken, würde mir wohl jedes goldene Tor verschlossen bleiben.

Etwas zog an mir. Knisterndes Plastik drang in mein Ohr.

Plötzlich öffnete jemand die schwarze Welt in der ich gefangen war, über einen Reißverschluss, nah meinem Gesicht.

„Osanna?“ fragte ich tonlos, als ich in das verheulte Gesicht meiner Schwester blickte.

„Robert … Gott bin ich froh!“ schluchzte sie und wischte sich mit ihrem Handschuh den Rotz von der Nase.

Sie hebelte mich aus dem Leichensack und trotz wummernder Kopfschmerzen erkannte ich langsam im Grau der Umgebung, wo ich war. Baumwipfel ragten in den dunklen, kalten Nachthimmel, der Mond stand in voller Pracht und erhellte die Grube der `Ausrangierten`, aus welcher mich meine Schwester gezogen hatte. Der Frost erstickte ihren Geruch, die Meisten waren verschneit, trotzdem musste es eine furchtbare Überwindung für sie gewesen sein.

Ich verstand es nicht. Warum war ich noch am Leben?

Osanna fiel mir um den Hals und weinte bitterlich. Ich blickte an mir herunter und sah gefütterte Stiefel, warme, saubere Winterkleidung, sogar eine Mütze hatte ich auf.

„Osanna“ keuchte ich schwerfällig „Was ist geschehen?“.

Meine jüngere Schwester rieb meine Wangen und küsste mich glücklich auf die Nase.

„Ein Mann kam heute zu mir und sagte, wo ich dich finden könne. Er gab mir ein Pferd um dich zu holen! Aber komm, wir reden später! Du bist schon eiskalt, wenn wir nicht schnell in eine Stube kommen, erfrieren wir.“

Mühsam stemmte ich mich nach oben. Mir war übel, mein Körper fühlte sich an, als währen alle Gliedmaßen eingeschlafen, tausende Nadelstiche setzten mir zu.

Osanna führte ein großes, fuchsfarbenes Pferd herbei und half mir, mich auf seinen Rücken zu hieven. Dann schwang sie sich selbst nach oben und wir ritten in die Stadt.

Das prächtige Herrenhaus, am Ende einer Seitenstraße, war beeindruckend. Osanna blickte suchend umher, stützte mich durch den warmen Flur, führte mich in ein Wohnzimmer mit prächtigen Möbeln, Fachwerkbalken und einem großen, offenen Kamin, in dem ein angenehmes Feuer brannte.

„Setz dich da auf den Ottomanen und lass dich von den Flammen wärmen. Ich mache dir eine heiße Suppe, damit du zu Kräften kommst!“, sagte sie glücklich und ließ mich hinunter sinken.

„Osa! Warte“, ich hielt ihren Ärmel fest. „Wer war der Mann, der dir gesagt hat, wo du mich finden kannst?“

Meine liebe Schwester lächelte selig, während ihre roten Wangen im Schein des Feuers glänzten.

„Derselbe, dem dieses Haus hier gehört“, sagte sie nur lächelnd. Sie warf ihre Jacke ab, schaute sich um linste in alle Ecken. Anscheinend war sie selbst zum ersten Mal in diesem Gebäude. Dann schien sie etwas zu erkennen und verschwand sogleich um die Ecke.

Ich starrte ins Feuer und spürte, wie die Wärme endlich wieder Besitz von meinem Körper ergriff. Es tat so gut, wieder in einem normalen Raum zu sein, auch wenn ich noch immer nicht verstand, wie es dazu gekommen war.

Kurze Zeit später ließ mich ein Klimpern zur Seite blicken. Was freute ich mich auf Osannas heiße Suppe, doch was ich dann sah, verschlug mir gänzlich die Sprache.

Da stand, mit einer Kochschürze bekleidet, beschämt lächelnd der Wolf und hielt ein Tablett in der Hand, mit welchem er auf mich zukam.

Ich starrte ihn an wie einen Geist. Unter der Schürze trug er einen gestrickten, dunkelroten Pullover, eine schwarze Flanellhose und dicke flauschige Hausschuhe an den Füßen. Wie ungewöhnlich dieser Anblick doch war. War ich vielleicht doch gestorben?

Er stellte das Tablett mit der dampfenden Suppe neben mir ab und fuhr mir dann sanft durch die Haare.

„Das Sedativum war sehr stark. Ich hoffe es geht dir nicht allzu schlecht …? Du solltest etwas essen, dann vergeht auch die Übelkeit. Hier …“, er reichte mir einen Löffel und ich öffnete wie ein Kind meinen Mund, während ich weiter in sein ungewohnt friedvolles Gesicht starrte.

„Deine Schwester ist eine hervorragende Köchin, aber das weißt du sicher.“ Zum ersten Mal hörte ich so etwas wie Unsicherheit in seiner Stimme. War er verlegen?

„Was … was ist passiert? Ich verstehe das alles nicht.“

Der Wolf schnaufte und drehte sich mit dem Rücken zum Feuer, während er sich neben mich setzte und mir eine weiche Decke um die Schultern legte.

„Bitte verzeih, dass ich dir nicht geglaubt habe.“ er schnaufte schwer, blickte verschämt zur Seite. Zitterte er etwa?

„Ich weiß jetzt, dass du unschuldig bist. Kein Mörder hätte sein Schicksal so akzeptiert, wie du es getan hast und als du dir diesen Kuss wünschtest, wusste ich, das ich dich nicht töten kann.“

Er blickte mich an, nahm meine Hand und da erkannte ich plötzlich ehrliches Bereuen in seinen Augen.

„In meinem Beruf lernt man, das alle Menschen lügen, um sich selbst zu schützen. Ich war radikal, … herzlos. Ich konnte mir nicht vorstellen, das irgendjemand etwas für mich empfinden könne.“

Er seufzte erneut und umarmte mich plötzlich. Ich verstand nur langsam, was er gesagt hatte, doch mein Herz sprang vor Glück, als er mir einen ersten, freiwilligen Kuss gab.

„Aber wie … wie bin ich …?“

„Ich musste dir ein hochdosiertes Betäubungsmittel geben, damit deine Lebenszeichen für den Direktor und die Wärter in Larau nicht mehr ersichtlich waren. Ich habe deinen Tod bescheinigt und dich über den üblichen Weg wegschaffen lassen. Danach suchte ich deine Schwester im Kloster auf. Du lagst noch die ganze Nacht in der Lagerungshalle, dort zog ich dich um und platzierte deinen Körper in einem perforierten Leichensack, bevor die Aufseher dich heute, am frühen Morgen in die Leichengrube brachten. Da wartete bereits deine Schwester auf dich.“

Ich spürte, wie eine Träne meine Wangen hinunter lief.

„Robert, ist alles ok?“ fragte der Doktor besorgt und strich mir die Haare aus dem Gesicht. „Du brauchst dich nicht mehr sorgen und Osanna kann natürlich auch bei uns bleiben! Ich suche schon lange eine verlässliche Haushaltshilfe.“ dabei grinste er kindlich.

Nur langsam realisierte ich, was diese Worte bedeuteten.

Ich war frei. Meine Schwester und ich hatten wieder eine Zukunft … und der Mann, den ich liebte, erwiderte sogar meine Gefühle.

„Danke … Wolf“, schluchzte ich schließlich. „Du hast mir das schönste Geschenk gemacht, was ich mir je hätte wünschen können.“

Dr. Beitler drückte mich lächelnd an sich. „Und das wäre?“

Ich lachte erschöpft.

„ … Hoffnung!“

 

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