Semesterstart

Schwule Kurzgeschichten

Es war einmal wieder soweit, das neue Semester startet und die erste Vorlesung beginnt pünktlich um acht Uhr. Noch komplett verkatert von der traditionellen Semesteranfangsparty letzte Nacht, quäle ich mich nach dem bereits fünften Klingeln meines Weckers um kurz nach sieben Uhr aus dem Bett. Jetzt muss ich mich beeilen. Schnell werfe ich mir zwei Toastscheiben in den Toaster, klatsche mir anschließend etwas Käse darauf und pfeife mir beide mit einer Dose Energy und Kopfschmerztablette rein. Dann noch kurz im Bad duschen, Zähne putzen, anziehen und ab geht’s mit dem Rad zur Uni. In 15 Minuten muss ich da sein.

Vollkommen verschwitzt und aus der Puste komme ich kurz vor Vorlesungsbeginn an der Uni an, schließe mein Fahrrad ab und laufe los. Aber wohin muss ich jetzt eigentlich? Ich habe vollkommen vergessen, zu welchem Saal ich eigentlich muss. Na toll, das Smartphone habe ich in der Eile auch vergessen. Gut, dann muss ich eben kurz zur Info, die zum Glück zu dieser Zeit bereits besetzt ist.

„Hallo, ich habe leider vergessen, zu welchem Saal ich eigentlich muss. Ich muss zu Herrn Professor Westheim. Die Vorlesung hat bereits vor etwa fünf Minuten begonnen.“

Ein schlanker Typ mit kurzen, blonden Haaren und um die dreißig Jahre alt, guckt mich mit einem leicht besorgten Lächeln an und fragt, ob ich mir sicher bin, ob ich dort jetzt noch wirklich hin will. „Du weißt, dass er ein unfassbar gutes Gedächtnis hat und Leute, die zu spät erscheinen, auf das äußerste Verurteilt? Ich würde es mir an deiner Stelle nicht mit ihm am ersten Tag verscherzen. Um ehrlich zu sein, solltes du es dir mit ihm unter gar keinen Umständen verscherzen. Du willst doch das Semester schaffen, oder nicht?“

Verunsichert und verwirrt sage ich kaum etwas und denke nach. „Naja, also… hm… ich kann ja…“

„Na gut, er ist im Saal Z02, im Neubau Nord. Viel Glück, falls du es doch versuchen solltest.“ Er dreht sich um und sortiert irgendwelche Broschüren.

Fuck, das kann doch nicht wahr sein. Erstens ist das so ziemlich auf der anderen Seite des Campus… und zweitens soll die Klausur am Semester der reinste Nerven- und Hirnschredder sein. Auf geht’s, es haben sich sowieso nur dreißig Leute für die Vorlesung angemeldet, da wird es so oder so auffallen, dass ich nicht da war.

Mit nun über einer halben Stunde Verspätung stehe ich nun vor der Türe zum Saal. Mir geht die Pumpe, wegen der Fahrt und auch der Aufregung, ob ich es nun wirklich wagen soll. Gerade in dem Moment, als ich die öffnen wollte, BAM, knallt die Tür gegen mein Gesicht und ich falle zu Boden, bin aber noch bei Bewusstsein.

„Verflixt, tut mir unfassbar Leid, geht es Ihnen gut? Sie bluten aus der Nase!!“, höre ich nur einen Herren etwas in einem aufgebrachten aber besorgten Ton sagen, da meine Sicht ist noch nicht ganz fokussiert ist, „wieso standen Sie hier direkt vor der Tür? Entschuldigen Sie, ich war nur sehr aufgebracht und habe nicht damit gerechnet, dass jemand hinter der Tür steht.“

Ich merke tatsächlich, dass ich wohl Nasenbluten habe und halte mir den Ärmel meines schwarzen Hoodies an die Nase. Langsam kann ich auch den Herren erkennen, es ist der Professor meiner angemeldeten Vorlesung. Er ist um die 45 Jahre alt, schlank, hat schwarze Haare, leichte Geheimratsecken und grau melierte Haare an den Schläfen.

„Nein, mir muss es Leid tun… irgendwie. Ich wollte eigentlich zu Ihrer Vorlesung aber ich habe die Raumnummer vergessen und musste somit zuerst zur Information am Anfang des Campus.“
Irgendwie tat es mir ja wirklich Leid. Später kann man sich ja auch nicht erlauben, zu spät zu einem Vorstellungsgespräch zu erscheinen.

Der Mann sah mich an und sagt, „Lassen Sie mich Ihnen helfen. Soll ich Sie zum Erste-Hilfe-Zimmer bringen? Warten Sie, ich helfe Ihnen auf.“ Er streckt mir seine Hand entgegen, die ich direkt packe und er hilft mir mich wieder hinzustellen. „Nein, alles gut“, antworte ich, „mir ist nur ein bisschen schwindelig und ich würde nur gerne kurz zur Toilette die Nase behandeln.“
„Verstehe, soll ich Sie dorthin begleiten oder schaffen Sie das alleine?“, fragt er. Natürlich sage ich ihm, dass ich das alleine schaffe und gehe los die Toiletten zu suchen. Während er wieder etwas lauter wird verschwindet er wieder im Saal.

Verrückter Kerl, hat der mir doch tatsächlich fast K.O. gehauen. Endlich habe ich eine Männertoilette gefunden, die Beschilderung hier ist etwas wirr. Ich beuge mich mit der Nase unter den Wasserhahn und lasse kaltes Wasser über sie laufen. Das komplette Waschbecken ist rot  und mein Gesicht pulsiert. Gebrochen sieht aber erstmal nichts aus, hat meine Stirn doch auch gut was an Kraft abgefangen.

Eine knapp halbe Stunde und fast eine Rolle blutiges Toilettenpapier später wasche ich das Waschbecken sauber. Was für ein Katastrophaler Start in das Semester. Jetzt muss ich aber auch mal ganz dringend für kleine Jungs, gehe zu einem Pissoire und mache meine Hose auf. Im selben Augenblick geht die Tür der Toilette auf. Der Professor von vorhin kommt herein und bleibt überrascht stehen, „ach, Herr Wehlers, Sie sind ja immer noch hier. Wie ich sehe geht es Ihrer Nase schon besser. Tut mir nochmal sehr Leid, dass ich Ihnen die Tür entgegengeworfen habe.“
„Schon gut, ist ja scheinbar alles einigermaßen heil geblieben“ sage ich und nicke, während ich eigentlich ganz dringend pinkeln muss. Während er zum Pissoir neben mir geht, fährt er fort, „diese Show ziehe ich immer jedes Semester in der ersten Vorlesung ab. Denn jedes mal fehlt mindestens eine Person oder sie kommt zu spät. Jeder bekommt eine zweite Chance. So schaffen es alle später auf wundersame Weise pünktlich zu sein, natürlich mit wenigen Ausnahmen. Die haben hier meiner Meinung nach aber nichts zu suchen.“

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