Josua mit dem großen Lumpi

Schwule Kurzgeschichten

Gestatten? Josua mein Name. Ich bin 33 Jahre alt, 181 cm hoch, schlank, habe dunkle, kurze Haare. Ich bin Produktingenieur in einer größeren Firma und – stockschwul.

Das ahnte ich schon immer, denn in dieser Beziehung tickte ich anders als meine Freunde.

Lange vor der Pubertät war ich mir sicher, schwul zu sein und teilte dies meinen Eltern auch mit. Doch sie nahmen das nicht ernst: „Jeder, aber du nicht“. Tatsächlich bestätigte ich keines der üblichen Vorurteile: Ich spielte nicht mit Puppen und Kleidchen, mochte keine Musicals, hatte keinen Bezug zu Garderobe, Frisuren und Mode und benutzte außer Seife keine Pflegeprodukte. Ich spielte gerne Fußball, wälzte mich im Dreck, prügelte mich auch schon mal, spielte Streiche und unterschied mich in keiner Disziplin von meinem Stief-Bruder oder meinen Freunden. Ich „schwuchtelte“ nicht, hatte im Gegenteil einen „machohaften“ breitbeinigen Gang, den ich von meinem Vater geerbt habe. Wenn wir nebeneinander stehen, sieht es aus, als wären wir gerade vom Pferd gestiegen …

Ich musste mehrere Anläufe nehmen, meine Eltern davon zu überzeugen, dass sie ein Sonderexemplar in der Familie hatten. Ich bestand darauf, dass ich mit Mädchen nichts anfangen konnte und mich nur Jungs interessierten. Noch hatten sie aber die Hoffnung, dass sich dieser Spleen in der Pubertät legen werde, denn sie machten sich natürlich Sorgen.

Erst im Alter von 13 Jahren wurde es in der Familie offiziell akzeptiert: Mein zwei Jahre älterer Bruder haute sich auf die Schenkel und rief: „Endlich mal was los hier!“ und meine kleine Schwester betete für mich …

Ich ging mit meiner Veranlagung zwar nicht hausieren, versteckte sie aber auch nicht. Es dauerte noch zwei, drei Jahre, bis diese Nachricht im Sportverein, in der Musikkapelle, in der Schule und bei meinen Kumpels durchgesickert war. Und sie stieß immer noch auf große Skepsis.

Wir wurden von unseren Eltern ganz bewusst zur Selbstständigkeit erzogen und waren schon von Natur aus sehr selbstbewusst und in vielen Bereichen autark. Dafür bin ich heute sehr dankbar. Denn im Vergleich zu denen, die unter der Ägide von Hubschrauber-Eltern aufwuchsen, wurden wir starke Persönlichkeiten, die sich ohne große Mühe durchs Leben schlagen können.

Ich hatte großes Glück mit meinen Eltern und Geschwistern, aber auch mit meinen engsten Freunden, denn sie gingen sehr souverän mit mir und meiner Veranlagung um und ich wurde nicht ausgegrenzt. Meine Kumpels und Vereinskollegen wollten mich bei jedem Event dabei haben. Ich fühlte mich wohl in meiner Haut und flitzte durchs Leben. Schnell fand ich Gleichgesinnte, mit denen ich sexuell aktiv werden konnte; etwas außerhalb meines Bereichs, denn die hatten große Angst vor einem unfreiwilligen Outing.

Natürlich gab es auch spitze Bemerkungen in der Familie, bei den Freunden und in den Vereinen und später auf der Arbeit, sie waren aber nie wirklich verletzend. Auch in der Schule hatte „es“ sich herumgesprochen; hier war die Reaktion zuweilen etwas aggressiver und ruppiger, aber ich konnte damit umgehen.

Mädchen waren für mich Spielkameradinnen oder Bekannte. Mehr nicht. Ich konnte mir in meiner Naivität nicht vorstellen, in einer anderen, speziellen Weise auf sie zu wirken. Eine solche Möglichkeit war in meinem Kopf nicht vorprogrammiert. Ich war doch schwul! Das müssen Frauen doch eklig und absonderlich finden!

Eines Tages sagte mir meine Schwester, dass sie mit mir Geld verdienen könne. Ihre Freundinnen hatten ihr angeboten, für jede meiner Unterhosen fünf Mark zu bezahlen, für ungewaschene zehn. Das würde sie natürlich nie tun. Vorsichtshalber schloss ich meinen Kleiderschrank ab für den Fall, dass sie mal unter Geldnot leiden sollte …

Auch aus der Richtung meiner Freunde kamen Signale, dass ich beim Weibervolk als „sexy Biest“ geführt würde. Zugegeben: das bauchpinselte mich natürlich, half mir aber nicht wirklich und ich ordnete solche Aussagen als das ein, was sie vermutlich waren: maßlose Übertreibungen.

Wir zogen in unser neues Haus und unsere Eltern regten an, die Schulen zu wechseln. Bei meinem Bruder ging das nicht, denn er machte gerade Abitur und meine Schwester lehnte ab. Ich aber wollte mich mit dem Wechsel in ein neues Abenteuer stürzen.

Das war ein schwerer Fehler.

Von außen wurde die Nachricht von meiner sexuellen Orientierung in die Schule getragen und damit begann für mich eine schwierige Zeit. In dieser riesigen Bildungseinrichtung arbeiteten Lehrer, die den Eindruck machten, wegen erwiesener Unfähigkeit strafversetzt worden zu sein. Miserable, frustrierte, faule Schulbeamte, die ihre Schüler nicht mochten und im Lehrerzimmer Krieg gegeneinander führten, zumindest im Bereich Gymnasium. Sie hatten nur den einen Wunsch: So schnell wie möglich in Frühpension gehen.

Ich landete in einer Horrorklasse. Die Atmosphäre und das Niveau wurden von sechs Kerlen bestimmt, denen man folgende Eigenschaften zuordnen musste: Dumm wie Brot, aggressiv, primitiv und rechtsradikal. Ich war ihr Feindbild, Abschaum. Es waren emotional ausgehungerte und verzogene Kinder reicher Eltern, die endlich ein Opfer gefunden hatten. Mein Name war „Schwuchtel“, „Hinterlader“, „Arschficker“ … Körperliche Angriffe waren an der Tagesordnung: Ein Stoß hier, ein Tritt in den Hintern dort, mal ein Bein gestellt, mal Cola auf den Sitz geschüttet. Einer beschwerte sich ganz offiziell bei einem Lehrer, dass er es für eine Zumutung halte, mit einem Homosexuellen in einem Zimmer sitzen zu müssen. Der Pestalozzi-Verschnitt am Lehrerpult hätte jetzt eigentlich eine pädagogisch wertvolle Ansprache halten müssen; doch er stotterte nur herum und sagte sinngemäß, dass es das eben gäbe und man damit klarkommen müsse. Nach dieser Schulstunde bekam ich zu hören: „Beim Adolf wärste in der Gaskammer gelandet!“

Der Hass auf mich speiste sich nicht nur aus dem Umstand meiner sexuellen Orientierung; ich war auch Klassenbester. Bei dieser Konkurrenz keine große Kunst. Und: Ich war bei den Weibern immer Thema. Auch meine stoische Reaktion auf alle physischen und psychischen Angriffe provozierte sie. Eigentlich hätte jemand wie ich wimmernd und mit eingezogenem Kopf durch die Gegend laufen müssen, doch ich verfügte damals über die Kunst, mich in mich selbst zurück zu ziehen und alle Angriffe an mir abprallen zu lassen; ich ruhte in mir selbst. Diese Fähigkeit ist mir im Laufe der Zeit abhanden gekommen; ich bin heute sehr viel dünnhäutiger.

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