Gewisse Vorzüge

Schwule Kurzgeschichten

Ich war frustriert. Seit nunmehr fast vier Jahren versuche ich vergeblich jemanden kennenzulernen. Jemanden, mit dem ich das Geheimnis meiner schwulen Seite teilen und erleben konnte. Doch es war alles andere als einfach. Es gab nur wenig in dieser Kleinstadt, die sich offiziell als schwul outeten, und diese Wenigen waren unter der Bevölkerung verhasst, wurden nicht als Gleich angesehen und hatten keine Chance auf Anerkennung. Es war die Hölle auf Erden für diese Personen. In den Straßen kannte man ihre Gesichter, es wurde über sie gelacht, mit dem Finger auf sie gezeigt und sie wurden beschimpft. In diese Szene wollte ich unter diesen Umständen auf gar keinen Fall hineingeraten, weshalb es auch so schwierig für mich war, jemanden gleichgesinnten zu finden.

Als ich neunzehn Jahre alt wurde, hatte ich mein erstes Mal mit einem Mädchen schon längst hinter mir, nicht aber mit einem Burschen. Ich war ja auch nicht stockschwul. Ehrlichgesagt konnte ich mir ein Leben in der Zukunft nur mit einer Frau und zwei hübschen Kindern an unserer Seite vorstellen. Doch die schwule Ader in mir verlangte auch nach Befriedigung. Irgendetwas in mir suchte immer wieder diesen Weg ans andere Ufer, was zwar prinzipiell nicht schlimm war, aber fatale Folgen haben könnte.

Zuletzt war ich dann schon so deprimiert, dass ich das Internet um Hilfe bat. Es dauerte nicht lange, bis ich eine vielversprechende Website für Schwule fand und mich dort natürlich kostenlos anmeldete. Es dauerte genauso wenig lange, bis ich mich auf der Oberfläche der Seite zurechtfand und erste Mitglieder kennenlernte. Doch leider, so stellte ich fest, waren die meisten darunter 35+ und ich war eigentlich auf der Suche nach gleichaltrigen. Haufenweise schrieben mich Männer an, fragten total niveaulos nach einer schnellen Nummer, wollten Bilder von mir und von meinem Intimbereich sehen und sagten teilweise einfach, dass sie mir den Arsch durchbohren würden. Ich hielt Abstand von diesen dreisten Personen und suchte gezielt nach Jungs in meinem Alter. In meiner Altersstufe, war die Auswahl ohnehin schon begrenz und trotzdem waren selbst hier mindestens 50% dreist, respektlos und abstoßend. Der Rest war dann zugegeben einfach nicht mein Typ, also hässlich, fett oder beides.

Es war wirklich ein Krampf. Es schien tatsächlich so, als gäbe es niemanden in meiner Umgebung, der hübsch, kultiviert, klug und charmant war und das Selbe wie ich suchte. Ich verbrachte meine Abende damit, verzweifelt nach einer Person meines gleichen zu suchen, bis ich endlich jemanden fand. Sein Profilname war zwar nicht sehr aufschlussreich, eher ein beliebiger Mix aus Buchstaben und Zahlen. Aus seinen restlichen Daten jedoch wurde ich schon schlauer. Er war neunzehn Jahre alt, genau wie ich, ging in derselben Kleinstadt zur Schule, hatte im Großen und Ganzen so ziemlich dieselben Interessen und war auch eher bisexuell orientiert. Ich wollte nichts verschreien, doch ich sah darin meine ultimative Chance. Ich wollte es um jeden Preis vermeiden, dass mich diese Person auch für so einen Fanatiker und Spinner, wie fast alle anderen auf dieser Website hielt. Ich ging das Gespräch also wirklich sehr locker und gelassen an, und mir wurde sofort klar, dass der Typ am anderen Ende, kein notgeiler Vollidiot, sondern ein ganz netter, der dasselbe wie ich suchte war. Wir konnten uns prächtig unterhalten, zogen gemeinsam über die Idioten auf dieser Website her und schienen wie perfekt füreinander zu sein.

Wir beide waren damit einverstanden, obwohl wir uns gut verstanden, unsere Identitäten nicht preis zugeben und verzichteten so auf alternative Kommunikationsmittel. Wir erfanden Pseudonamen und schrieben täglich um dieselbe Zeit miteinander. Bestimmt ein Monat lang dauerte diese Phase, bis wir uns endlich dazu entschlossen, uns in einem Café persönlich kennen zu lernen.

Schon am folgenden Montag sollte es soweit sein. Wir verabredeten uns in einem uns beiden bekannten kleinen Café in der Innenstadt um zwei Uhr, welches meist sehr gut gefüllt war. Er sagte, er würde dort mit einem roten Adidas T-Shirt und einer schwarzen Hose auf mich warten und habe blonde kurze Haare. Somit war geklärt, wie wir uns finden würden.

Den Vormittag verbrachte ich ganz gewöhnlich in der Schule. Es war mein letztes Schuljahr, welches ich noch gut über die Runden bringen wollte. Total gespannt und nervös wartete ich den gesamten Vormittag in der Schule ab, bis ich schließlich um 13:10 Uhr gehen konnte. Wir waren erst um zwei Uhr verabredet, ich nutzte die Zeit also um mir etwas in den Magen zu hauen und noch ein wenig zu entspannen. Schließlich war es soweit und ich machte mich auf den Weg zum Café. Da jedoch er auf mich wartete, erlaubte ich mir fünf Minuten verspätet aufzukreuzen. Vor dem Lokal atmete ich noch einmal tief durch, ehe ich die Türe aufmachte und hineinging. Das Café war ziemlich verwinkelt. Ich musste also um einige Ecken schauen um ihn zu finden. Ich suchte das ganze Lokal ab und fand schließlich, im letzten Winkel eine Person sitzen, mit blonden kurzen Haaren, einem roten T-Shirt und einer schwarzen Hose. Er saß mir entgegengesetzt, weshalb ich mich langsam anschlich. Als er seinen Kopf etwas zur Seite drehte und mich seine Gesichtszüge erkennen ließ, erschrak ich regelrecht. Es war mein bester Freund Marco.

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Hi! Ich habe im Moment nicht viel zu sagen. :-)

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