Dinner for two

Schwule Kurzgeschichten

Genoß der Jüngling ein Vergnügen,
So war er dankbar und verschwiegen.

Friedrich von Hagedorn

Es dunkelte schon, als ich an der Rezeption das Gästeformular ausfüllte. Ich bekam den Zimmerschlüssel, brachte meinen Koffer hinauf, machte mich etwas frisch und legte eine frischgebügelte Hose und einen lockeren Sakko an. Pünktlich um neunzehn Uhr war ich dann im Foyer, wo meine Freunde bereits auf mich warteten. Wir gingen in den aufgeputzten Speisesaal, wo ein Kellner in weißem Jackett uns mit der würdevollen Miene eines Zeremonienmeisters zu unserem Tisch geleitete. Das Silvestermenü bestand aus nicht weniger als sieben Gängen, was uns für die verbliebenen Stunden bis zum Jahreswechsel eine Flut von Gaumenfreuden versprach.
Wir bestellten den Wein, und gerade als der Zeremonienmeister uns die Gläser füllte, war am Nebentisch eine Gesellschaft von etwa einem halben Dutzend Leute eingetroffen. Es waren offenbar Mitglieder eine Familie aus der gehobenen Mittelschicht – Junge und Alte aus drei Generationen – die meine Aufmerksamkeit wohl kaum weiter in Anspruch genommen hätten, wenn da nicht unverhofft ein Juwel inmitten dieser Gutbürgerlichkeit aufgeblitzt wäre.

Ein hochmütig dreinblickender Jüngling von höchstens zwanzig Jahren, schmal und feingliedrig von Wuchs, saß mir genau gegenüber, sodass ich ihn nach Belieben betrachten konnte, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Das war ein Zierbengel erster Güte, in samtblauen Sakko, engen schwarzen Jeans und einem schneeweißen Hemd mit gestärktem Kragen dazu – das er aber lässig an den zwei oberen Knöpfen offen trug, wodurch man einen flüchtigen Eindruck von der knabenhaften Brust erhaschen konnte. Etwas wie ein schimmerndes weißes Band zierte seinen Hals, in reizvollem Kontrast zu dem etwas dunkleren Teint der Haut.

Neben ihm saß eine junge Frau, nicht unhübsch, aber etwas plump und gewöhnlich wirkend an der Seite dieses Prachtburschen. Sie ließ ihn nicht aus den Augen und drückte ihm alle paar Mal einen Kuss auf die Lippen, den er dann lachend, aber doch nur halbherzig erwiderte. Es schien fast, als ob er damit nur eine lästige Pflicht erfüllte, schnell und gedankenlos, einfach nur um dem Anspruch zu genügen und sich dabei das Wohlwollen der anderen zu sichern. Sein Blick aber wanderte unruhig hin und her und verweilte nie länger als einen Wimpernschlag bei seiner Begleiterin, die ihn im Gegenzug unablässig anhimmelte. Auch ließ er sich im Verlauf des Abends immer nur für kurze Zeit in irgendwelche Tischgespräche einbinden, und wenn der eine oder andere das Wort an ihn richtete, so antwortete er freundlich und charmant, aber in knappen Sätzen und brach die Konversation bald wieder ab. So saß er denn inmitten seiner Leute in einer Aura von Langeweile und höflicher Unnahbarkeit, wie ein Wesen aus einer anderen Welt.

Ich nippte an meinem Rotweinglas und vertiefte mich für ein paar Minuten in ein Gespräch mit meinen Tischgenossen, aber ich verlor den schmucken Epheben von nebenan dennoch nie aus dem Blickfeld. Mehrmals versuchte ich, seine Aufmerksamkeit zu erhaschen, und gelegentlich streifte mich auch sein Blick, verweilte aber niemals bei mir. Vielmehr machte er den Eindruck, mich einfach nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen, seine Augen glitten kalt und teilnahmslos an mir vorbei, als wäre ich bloß ein Teil der Tischdekoration.

Die erste Vorspeise – eine Thunfischmousse auf Vogerlsalat – wurde serviert, gefolgt von der zweiten Vorspeise, einem Rinder-Carpaccio mit Trüffel Öl, grob gemahlenem schwarzen Pfeffer und gehobeltem Parmesan, nebst Rucola. Ich hatte das Carpaccio schon zur Hälfte durch, da spürte ich plötzlich, dass mich jemand scharf beobachtete, und hob den Blick von meinem Teller.

Die Begleiterin des Jünglings schien ihm mit lebhaften Gesten gerade irgendetwas zu erzählen, und er hielt seinen Kopf leicht geneigt, scheinbar in zärtlicher Zuneigung ihr aufmerksam zuhörend. Aber sein Blick war jetzt auf mich gerichtet und wie verwandelt: die Augen mit den beinahe unerlaubt langen Wimpern stachen in meine Augen – eine halbe Minute, eine ganze Minute lang starrte er mich an, neugierig, fragend, herausfordernd: Er hatte mich endlich wahrgenommen und hatte anscheinend auch die Spannung gespürt, die in meinem Blick war.
Nun, vielleicht täuschte ich mich und er war sich schon von Anfang an wohl bewusst, dass ich ihn vom Scheitel bis zu den Schuhspitzen durchmusterte, und hatte nur aus Lust am Spiel anfangs den Gleichgültigen gespielt. Seine Freundin hörte plötzlich auf zu sprechen, aber sein Blick ließ immer noch nicht von mir ab, und auf seinen Lippen formte sich so etwas wie die Spur eines Lächelns – verlockend, spöttisch, abweisend? – Mona Lisas Lächeln wäre leichter zu entschlüsseln gewesen. Dann senkte er auf einmal den Blick, beugte sich zu der jungen Frau hinüber und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Dieser heuchlerische Bengel – ich konnte mir meinerseits ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Die Suppe wurde aufgetragen, ein Gemüse Consommé in einem Schüsselchen, mit einem einzigen Nockerl darin. Ich tauchte den Löffel ein, aber dann sah ich, wie der Schnösel sich erhob und der Freundin etwas zuflüsterte. Doch bevor er den Tisch verließ, warf er mir noch einen schrägen Blick zu – und plötzlich war mir alles klar und es lief mir heiß-kalt über den Rücken und gleichzeitig spürte ich ein Kribbeln im Magen, das wohl kaum von den genossenen Speisen herrührte. Ich blieb sitzen, löffelte die Suppe, machte Konversation und zwang mich, noch ein, zwei Minuten zu warten … Dann aber legte ich die Serviette beiseite, entschuldigte mich bei meinen Tischgenossen und eilte hinaus.

Ich fand den Weg zu den Waschräumen, öffnete die Tür, auf dem ein hölzernes Männchen mit Zylinderhut angebracht war – und sehe den Schönling am Waschbecken, wie er seine Hände abtrocknet, sehe seine schwarzen Augen im Spiegel, auf mich gerichtet, erwartungsvoll. Ich vergewissere mich, dass außer uns beiden keiner da ist, und nähere mich ihm … Doch man wird’s nicht glauben: der Stutzer dreht sich einfach um und geht, ohne mich eines Blickes zu würdigen, aufrecht und beinahe hochtrabend an mir vorbei und durch die Tür hinaus. Ich bleib zurück beim Waschbecken, verwirrt, enttäuscht, auch schon ein wenig wütend. Ich schau in den Spiegel und erkenne plötzlich den Wahnwitz der ganzen Sache, und es scheint mir ganz und gar unmöglich, dass dieses putzsaubere Bürschchen in seinem samtenen Sakko, dessen junge Freundin ihn jederzeit mit heißen Küssen übersäen würde (sofern er es nur wollte), sich mit einem wie mir …

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