Die Kirschernte

Schwule Kurzgeschichten

1 – Die Wanderarbeiter

Jedes Jahr beginnt die Kirschernte am Fest des Heiligen Isidor von Madrid, d.h. am 15. Mai.

Wie jedes Jahr waren wieder zahlreiche marokkanische Erntearbeiter auf unserer Kirschplantage eingetroffen, darunter einige sehr gutaussehende junge Männer, die, wie auch der Rest, in den Mannschaftsunterkünften, zumeist in 4 Bettzimmern, untergebracht waren.

Ich hatte mein Abi erfolgreich bestanden und träumte von einem Literatur- und Kunststudium, was, wie ich aufgrund jahrelanger Diskussionen wusste, meinem Stief-Vater nicht gefiel. Er hatte andere, dynastische Pläne, wollte mich mit der einzigen Tochter eines anderen Kirschbauern verheiraten und so den Grundbesitz fast verdoppeln.

Mir graute vor dieser arrangierten Ehe, wir lebten doch nicht mehr im Mittelalter und außerdem wusste ich seit Beginn der Pubertät, dass ich schwul war und mit Frauen so gut wie nichts anfangen konnte. Im erzkatholischen Spanien der 60er Jahre fiel es nicht auf, wenn man mit 18 keine Freundin hatte, dies war normal. Klar hatten wir Sex, wir haben wie alle Jungs seit Beginn der Pubertät gewichst, aber mit schlechtem Gewissen, dafür sorgte schon die alleinseligmachende Kirche mit ihren Vertretern.

Bevor ich mich aber bezüglich meines Berufswunsches mit meinem Stief-Vater würde weiter auseinander setzen können, hieß es erst einmal die Ärmel hochzukrempeln und sich voll bei der Ernte einzubringen.
Das mussten alle Familienmitglieder, sowohl meine beiden älteren Schwestern, welche noch unverheiratet waren, als auch meine beiden jüngeren Stiefbrüder Pablo und Jaime,  18 jährige Zwillinge, auf denen meine Hoffnung ruhte, dass sie das Familienunternehmen weiterführen würden, mithelfen. So unzertrennlich wie sie waren, brauchten Sie wohl einen Beruf bei dem Sie Hand in Hand würden arbeiten können und wo ging dies besser als auf unserer Kirschplantage.

Mir wurde die Aufgabe übertragen, mich um die Mannschaftsunterkünfte zu kümmern, das hieß dafür zu sorgen, dass in den Waschräumen genügend Seife, Toilettenpapier und was sonst noch gebraucht wurde, vorhanden war. Darüber hinaus musste ich natürlich auf den Feldern helfen. Jetzt, da ich einen Führerschein hatte war diese Aufgabe schon etwas angenehmer, denn ich durfte die Arbeiter mit einem Kleinbus zu ihrem Einsatzort kutschieren und um die Mittagszeit zurück zum Hof fahren um das Essen, welches meine Mutter und meine Schwestern zubereitet hatte, zu holen und auf die Felder zu verteilen.

Seit Jahren kümmerte ich mich schon um die Unterkünfte und wusste es seit meiner Pubertät so einzurichten, dass ich immer dann in den Waschräumen zu tun hatte, wenn die Arbeiter unter der Dusche standen. So konnte ich ihre langen Schwänze bewundern und mir nachts beim Wichsen vorstellen, wie sie es mit mir treiben würden, wie sie mir ihre dicken Riemen in den Rachen schieben und mich lange und tief in den Mund ficken würden, bis es ihnen kam und sich ihr Sperma meinen gierigen Schlund hinunter ergoss.

„Tiago, steh‘ nicht rum und träume“, dies war die Stimme meines Vaters, gleich würde er zu einer seiner gefürchteten Predigten ansetzen, „sind die Unterkünfte in Ordnung, haben die Männer was sie brauchen?“ „Ja Vater“ antwortete ich, „ich habe gestern Abend alles kontrolliert und fehlendes aufgefüllt.“

Zum Glück bogen in diesem Augenblick die Zwillinge, lachend über einen ihrer Schalke, welche sie ständig trieben, um die Ecke und so war unser Vater damit beschäftigt ihnen Aufgaben zu übertragen. Da sie beide ja noch keinen Führerschein hatten, durften sie nur auf den ewiglangen und weiten Obstfeldern die kleinen Traktoren mit den Anhängern von Baum zu Baum bewegen, damit die Pflücker es nicht so weit hatten ihre Eimer zu lehren.

Mittlerweile hatten sich die Männer auf dem Hof versammelt und Vater teilte sie in zwei Gruppen ein. Dann hielt er ihnen eine Ansprache, in der er seine Wünsche kundtat wie gepflückt werden sollte, damit die Bäume keinen Schaden nahmen. Noch einige Verhaltensregeln und dann war es dem Marokkaner mit den besten Sprachkenntnissen überlassen alles seinen Landsleuten zu übersetzten.

„Tiago“ du bringst diese Gruppe hier zu unseren Feldern bei San Lorca, ich selbst fahre die anderen zu den näher liegenden. Danach kommst du zurück und gehst mit uns in die Messe, haben wir uns verstanden?“
„Ja Vater“, antwortete ich, nickte meiner Gruppe zu und ging zu dem kleinen Bus, in dem sich jeder von Ihnen einen Platz suchte und einer der gutaussehenden Jüngeren sich auf den Beifahrersitz setzte.

Während der etwa zwanzigminütigen Fahrt konnte ich manchen Blick auf den drahtigen Araber zu meiner Rechten riskieren, ohne dass es aufgefallen wäre. Ich schätzte ihn auf Anfang 20 aber da konnte ich mich auch täuschen, egal, ich würde es irgendwann erfahren, auf Vaters Schreibtisch lagen die Verträge und die Pässe der Arbeiter.

Am Feld angekommen, machten sich die Leute von den Rücksitzen sogleich daran, den Hänger mit den Leitern, Eimern und Obststeigen abzukoppeln, während mir mein Beifahrer kurz zunickte und dann ebenfalls aus dem Wagen stieg. Wie gerne wäre ich geblieben und hätte mitgeholfen aber ich musste zurück, wenn es um den Besuch der Messe ging verstand Vater keine Ausreden, im erzkatholischen und frankophonen Spanien kuschten sogar die roßgrundbesitzer vor dem einfachen Dorfpfarrer.
Also fuhr ich zurück, um zusammen mit der ganzen Familie den Heilige Isidor um eine gute Ernte zu bitten.

Der Pfarrer beeilte sich, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit alles in die Länge zu ziehen, offenbar hatten sich einige beschwert und nach einer knappen Stunde, in der die Figur des Heiligen dreimal um die Kirche getragen wurde und wir alle hinterher stapften, ging es zurück zum Hof, wo in Windeseile die Sonntagskleidung gegen die Arbeitskluft gewechselt wurde um dann erneut zu den Äckern zu fahren.

„Tiago, du nimmst Jaime mit, Pablo kommt mit mir“ entschied mein Vater kurz vor unserem Aufbruch. Darüber waren die Zwillinge alles andere als glücklich, sie hassten es getrennt zu werden, wagten es aber nicht sich gegen Vaters Entscheidung aufzulehnen.
„Komm‘ Jaime, hilf mir den Anhänger anzukoppeln und den Traktor zu verladen“ sagte ich und klopfte meinem Stief-Bruder aufmunternd auf die Schulter.
Kurz darauf saßen wir im Wagen und fuhren vorsichtig vom Hof, damit die wackelige Fracht nicht vom Hänger fiel.
Jaime brummelte vor sich hin, er hatte wohl absolut keine Lust die ihm übertragene Aufgabe zu erfüllen. „Was ist los?“ fragte ich.“
„Nichts“ brummte er. „Wenn nichts wäre würdest du nicht so ein mieses Gesicht machen, so kenne ich dich ja gar nicht“ versuchte ich ihn aufzumuntern
„Andere fahren in ihren Ferien ans Meer und wir?“
„Du wirst schon noch ans Meer kommen, das verspreche ich dir“.
„Wann, im Winter, wenn es stürmisch und kalt ist?“
Ich konnte ihn verstehen, unsere Ferien bestanden, solange ich zurückdenken konnte, und dies war ja nun nicht gerade lange, darin, auf den Feldern mitzuhelfen.
Wir hatten zwar die Erntehelfer aber jede Hand, die nicht bezahlt werden musste, war unserem Vater willkommen.

Über Lothar du Mont Jacques 8 Artikel
Suche immer interessante Gesprächspartner. Ich schreibe Kurzgeschichten und Bücher, mit Szene-Hintergrund.

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