Diaphragma – Teil 1

Schwule Kurzgeschichten

Diaphragma, 1. Kapitel: Hinfahrt, Teil 1

Es ist wieder einmal geschehen
All die Hoffnung restlos zerstört
Kein Weg mehr zu gehen
All die Fehler niemals gesehen
Viel zu spät, es jetzt noch zu bereuen
All die Schmerzen – nichtig – vorbei
Vorbei, alles was man nicht wahrgenommen
Und alles, was man nie gespürt
Das Aufwachen viel zu spät
Nur noch ein Traum – ein Wunsch
Als ein Baum langsam zu Boden stürzt
Und ein Meer sich selbst erstickt

Und wenn ich gehe
Bleibt ein Teil von mir bei dir
Und wenn ich gehe
Geht ein Teil von dir mit mir.
Und wenn ich gehe…
Geht ein Teil von mir mit Dir!
EA80-Keeney
Diaphragma
1. Hinfahrt

Eins

Und ich fuhr doch zurück! Das war einfach zu viel!! Erst der Kackabschied *wieder herauskoplimmentiert?*, dann, die graue Bomberlederjacke, viel zu warm, der rettende Gedanke, schon viel zu fern oder noch zu nah, dann der gewöhnliche, weil immer vorhandene, aber steile Aufstieg mit dem Rad und endlich, oben angekommen, den eisernen Geschmack vom Adrenalin im Blut noch im Mund, bog ich rechts abbiegend aus dem Gegenwind ab, der mich, ungewöhnlich, weil zu dieser Jahreszeit ungewöhnlich und ungewöhnlich sowieso wegen seiner südlichen Richtung – ansonsten herrschte hier mitunter auch strenger Westwind vor – gebeutelt hatte.

Einfach zu viel! Das kurze Gradeausstück bis zur *juchheißaßa* – Abfahrt in langen Kurven und einer kurzen Art Serpentine, spektakulär für diese ansonsten eher flache Gegend, war für gewöhnlich und normalerweise kein Problem. Aber was war heute Abend gewöhnlich oder gar normal? – Die Probleme, gewöh*nö*… eigentlich nicht; seit ein paar Wochen war größtenteils Ruhe in der Schule. Von den Noten mal abgesehen. Nur ein weiterer Klassenlehrerwechsel und sein nächtlich herbei ersonnener Entschluss – nicht dessen Ausführung; dazu ist es seitdem nicht gekommen, musste es anscheinend auch nicht mehr kommen, anscheinend reichte die durch den Entschluß verursachte Wesenesänderung aus oder war sie Zeichen dessen? – waren nötig gewesen, um wenigstens die schlimmsten Zustände zu, nun…nicht zu beenden, aber…erträglicher, fast normal, zu machen. Der probehafte und auf wenige Stunden pro Woche beschränkte Wechsel auf das Kurssystem tat sein übriges und das Mobbing „Herrje! –

Blöde Stoppstraße!“ Fluchte ich nach links blickend in den Wind. Kein Auto unterwegs um die Zeit, Landleben Samstags um 10. Kurzes Stück bergab, kurzes Stück bergauf, dann die lange grade zur *puh, was ein Seitenwind* serpentinenähnlichen Abfahrt. Das war zu viel! Was denn, hä? – Selbst der Sportunterricht war inzwischen mehr als erträglich – Schwimmen war auch schon am Anfang der Mittelstufe mein Lieblingssportunterrichtsfach gewesen, wenn es so etwas überhaupt gab. Schwimmen hatte ich nicht nur früh im Familienurlaub und eigens und durch Freunde meiner Mutter erlernt, sondern fühlte mich auch einfach wohl im Wasser. Vor allem, weil es dort keinen Wind gab, wollte ich schon loslachen und wäre mit dem Fahrrad fast in den Seitengraben gerutscht. Eine erneute Flucht in den Randbereich…Noch keine Grenze überschritten, aber…nicht nur wegen der diffusen Grenzen war Schwimmen entspannt – seit dem Schwimmunterricht in der Unterstufe und v.a. seit dem See auf der ersten gemeinsamen Klassenfahrt, wurde mir langsam und peinlich die andere Seite des Hügels bewußt. Allzu langsam wohl auch das, denn als ich Marek damals in seiner Lederhose zum ersten Mal die offene Treppe zum neuen Klassenzimmer hochkommen sah, nahm ich bewußt nichts war, drängelte ich mich doch im vorfreundschaftlichen Geschubbse mit Josh und Marian am Geländer und die anderen standen auf unseren Füßen und versuchten uns wegzudrängeln. Jungsspiele. Voller Freude dieses ewige hin und her seitlich am Geländer und dabei völlig die *verdammter Seitenwind*
Seitdem ich von Marian losgefahren *herauskoplimmentiert?* war, haderte ich mit mir, welche Route ich nehmen sollte, hätte nehmen sollen…: Die „bergigere aber deutlich kürzere oder den flachen Umweg später am Baggerloch vorbei? – Nicht mit meinem Rad unterwegs, sondern mit dem Schlinger-Schlinger-Geschoß von Mutti, bot sich eigentlich nur die längere Route an. Die konnte man zwar auch wiederum durch einen steileren Anstieg zwischendurch verkürzen, aber wer war denn bitteschön so bescheuert, den in der „Stadt“ gelegenen, noch steileren Anstieg zu erklimmen, wenn man doch auch an dem Baggerloch vorbei und dort was rasten konnte. Vom längeren aber flacheren Umweg verschnaufen sozusagen. Oder eben den kürzeren, aber echt mal steilen Anstieg wählen.

Das Blöde war: Egal ob ich Marian oder Tim im Dorf weiter besuchte oder ich von ihnen zurückfuhr: Der Berg war immer im Weg. Naja…Berg. Man konnte halt runterschauen – also war es qua lokaler Definition ein Berg. Aber auch, wenn er nur 40 Meter Höhenunterschied darstellte, war er trotzdem sausteil. Zusätzlich wohnte Marian auch noch auf einem Berg – und zwar gaaaaanz oben. Und der war riesig. Bestimmt 50 Meter und damit einer der höchsten lokalen Gipfel. Und das alles mit diesem Sch…rad! Nur wenn ich Josh besuchte konnte ich von meinem Heimatdorf bis zu seinem nahezu ebenerdig fahren, war aber auch doppelt so weit. Aber führte auch an ’nem Baggerloch und einem kleinen Fluß entlang. Aber Josh war ja heute bei Marian geblieben und Tim mit seinem Auto auf dem Weg nach Hause. Da spürte man auch keinen Wind drin…genausowenig wie im Wasser…Eigentlich war der Schwimmsportunterricht nur so schön wegen der Umkleide. Und eigentlich fand er Schwimmen gehen auch nur mit seinem Cousin toll. Und der ging auf ein anderes Gymnasium.

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