Diaphragma – Teil 6

Schwule Kurzgeschichten

Rückfahrt

Mir brannte der A…llerwerteste und ich war sauglücklich – darüber, dass ich, aber eigentlich konnte man darüber nicht glücklich sein, geschah es doch wie im Rausch, im Rausch, im Bierrausch, im leichten Bierrausch, im Rausch des Jackenwechsels, präzisierte und verworr ich mich gleichzeitig im Gedanken, darüber, dass ich den Mut, die Courage, den Dusel, den Wächter der zeitliche Kohärenz, damals hatte, auf dem Weg zurück zum Balkon. Jetzt brannte mir auch der Hintern, das aber wohl vom Radfahren, die paar Kilometer. Von der Kneipe bis hierhin zu der Uferböschung am Baggersee, in dem wir im Sommer nicht schwammen, weil das Klärwerk nebenan bei Überkapazität bisweilen Brackwasser in den See leitete. Vielleicht dachte ich deswegen an damals. Ganz schön aus der Übung, seitdem auch Marian den Führerschein hatte – Tim hatte ihn ja schon noch länger und war heute Abend schon nicht mehr dabei. Zum Schwimmen fuhren wir aber seit eh und je lieber ein Baggerloch oder 5.000 Meter weiter; glasklares Wasser, steinloses flaches Ufer, aber steil abbrechende Linie unter Wasser. Sofort schwimmen oder untergehen verwirrten sich meine Gedanken auf’s neue; wie war das noch auf der Klassenfahrt?

Weit und still breitete sich der See zu unseren Füßen aus. Also nicht direkt, sondern zwischen unseren Füßen und dem See waren noch 13-17 mtr. Luft nach unten. Senkrecht. Eine Sicherheitsmarkierung oder gar einen Zaun gab es zu dieser sehr zu recht so genannten oberen Uferlinie nicht und mit der Stille sollte es bald vorbei sein, denn genau diese paar Meter freien Falls brauchten die geschleuderten Schiefersteinstücke, um richtig Fahrt aufzunehmen, bevor sie mit lautem Klatschen auf die blauschimmernde Fläche des Sees auftrafen und diese zerriss. Warf man die Steine mit viel Drehung, so dass sie schwirrend durch die Luft flogen und damit auf die Oberfläche trafen, dann war das Klatschen und Spritzen zwar geringer, denn so zogen sie einen Schweif Luftblasen kometenartig, aber nicht grade, sondern mit vielen unvorhersehbaren Windungen versehen, hinter sich her, bevor sie zum Grund des tiefblauen Sees heruntertorkelten, die aber an die Oberfläche aufsteigenden Luftbläßchen zerperlten ohne großes Aufsehen und bildeten auf der Oberfläche eine unklare dreidimensionale Grenze.

Untergehen war bei uns am heimischen Baggerloch allerdings weiß Gott keine Alternative; waren wir doch allemale gute Schwimmer. Leider sind die anderen Alternativen auch immer weniger geworden, dachte ich, vor allem die Eine. Und deswegen dachte ich wohl daran, denn damals ts…“damals“ brannte mir der Hintern nicht nur nicht … ruuuuhig …, weil ich geübter im Fahrradsattelsitzen war, sondern auch, nachdem mich Marian als Zweiter genommen hatte, brannte nix. Als Joshua zum ersten mal in mich eindrang, zeigte er mir vorher doch am Beispiel Marian wie easy das selbst mit seinem alles andere als kleinen Schwanz ginge kleiner Stinler, lol!, o.k. – aber eigentlich nicht! Allen Unkenrufen zum Trotz. Und vor allem wohl nicht, weil die Unken, oder waren es Frösche? riefen, sondern weil sie ganze Vorarbeit geleistet hatten. Sowohl vorher unter sich als dann auch vorher mit mir. Was die beiden vorher, als ich noch auf dem Weg hoch oder noch hinunter, Himmel! – keiner wußte wie lange sie es vorher miteinander getrieben hatten, wieviele Stopstraßen waren das?, aber was erzählte mir Joshua später, der noch immer unwissend, dass ich selbst sah, was er prahlerisch in seiner Erzählung weiter aufblähte; als sei die Realität nicht nur nicht eine schmaler Grad, sondern auch nicht dick genug: haarklein – Marian wäre dazu nach wie vor zu, nun, höflich oder verschüchtert zurückhaltend kicher gewesen. „Was kicherst Du?“, fragte Marian den gängigen türkischen Dialekt versuchsweise parodierend.

„Nix is…“, ich mußte mich konzentrieren. „Es ist nur“, stammelte ich, „mir tut der Allerwerteste weh.“ Weder Joshua noch Marian sprangen auf die Anspielung an und so blieb es auch diesmal in der ansonsten lauen späten Sommernacht beim Starren auf auf den schalen Baggersee. „Noch nichtmal Steine gibt’s hier“, dachte ich und weinte fast:
„Zeit für ’ne Zischte“, nestelte den Gaulouisses-Tabak aus dem Lederetui – Motorradfarer-Chic – drehte mir eine, nestelte zurück wie ich niemals nimmer mehr before zurückrudern oder auch nur abwigeln wollte, hatte die Zigarette bereits angezündet als Joshua meinte nun mit Marian gleich aufbrechen zu wollen. Hust! – das war nicht nur eigenartig…o.k., er war der Einzige, der rauchte, zumindestens in dieser Dreierkonstellation. Und er war der Einzige, der…“gleich, ja“, sinnierte ich, und hoffte, dass er vielmehr „und“ statt „mit“ meinte, wie die anderen Einberufen, aber eben zum Zivildienst, Rot-Kreuz-Meyrich zwo, wie er später lernen sollte. Marian und Joshua wurden Bundis wie Joshs Bruder zuvor und Marians Bruder bestimmt nach ihm und ab ging’s in’s gemütliche Kasernenleheben ,faria. Faria, hoh, aber ihm war nicht zu Singen zumute. Es lag so etwas wie Dissonanz in diesem Abschied. Oder Unhöflichkeit. Oder Unaufmerksamkeit. Oder sehr empfindlich sein. Oder trotz alledem unerfüllter Hoffnung sein.

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