Diaphragma – Teil 3

Schwule Kurzgeschichten

„Oje, okeeee, Hallo, Jungs…!“ – „Sag, mal, bist Du völlig verrückt?“ zischte Joshua, als er die Tür leise öffnete. Marian konnte nicht nur nichts zischen, er hörte auch zu wischen auf und stand einfach mit offenem Mund da. Dann stammelte er irgendwas von Befürchtungen, dass das sein Vater hätte sein können, bevor er mich schneller und richtig hart anging. Klischeehaft, aber war: was mir einfiele, wer ich glaube, der ich sei, was ich glaube, was ich sei, wessen ich mir wohl wie was erlaube, vom wem ich glaube, der ich sei, von wegen Hausfriedensbruch, die Nachbarn – ich dachte ich hörte Fred oder Maria oder wen auch immer und ganz kurz auch Josh, als ich nach Blinddarm mit zwei Wochen Verspätung in den Lateinunterricht einstieg und er mich in häuslicher Nachhilfe unterrichtend irgendwas deklinieren ließ. Die vorgeschobenen Begründungen und Befürchtungen aus der Erwachsenenwelt, Boa Marian, tut mir ja l…, konnte er sich doch denken, mieser Pfadfinder hin oder her, dass die Nachbarn mich wohl kaum entdeckt haben könnten, wenn sogar die beiden mich erst jetzt, aber woher sollten die beiden wissen, was erst und jetzt bedeuten können, die mir aber eines verdeutlichten: Marian war angepisst von meiner Heimlichtuerei. Aber mal so richtig! Wohl nicht nur von dem Gelausche. Dafür war er zu sehr … in Rage? Überfordert?? Marian… Schon wieder oder noch immer dem Weinen nahe? Mangelnde Offenheit meinerseits? Er wünschte- O Marian! Deswegen wagte ich so offen aber vorsichtig, ihn trotzdem unterbrechend, indem ich immer lauter wurde, zu sagen : „tut mir, Tut mir…Tut mir leid. Tut mir leid, dass ich Euch belauscht habe, vielmehr … belauschen wollte; denn ich kam ein klein wenig zu spät, glaub ich.“ Erinnerte mich an den zu sehen geglaubten Bissspuren im zweiten, Joshs, Sockenpaar, schielte links über Marians noch immer unbedeckte Schulter und an seine heftig atmende Jungsbrust zögerlich vorbei – aber da waren keine Bißspuren mehr zu sehen, immer schön langsam und stückchenweise mit den Erklärungen, schaltete ich wieder und immer schneller, nie mehr Zelt! „ Ich sah … naja, ‚nur‘ das Ergebnis. Oder sehe es noch. Sagt mal…Jungs…soll ich weiterwischen? Du und Joshua zieht Euch was drüber, während ich weiter, naja…, vielleicht erkläre?“ Marians Bann war bereits bei dens einen Erklärungen am bröckeln gewesen, was ich an einem zunehmend breiten Grinsen auf seinem noch frech-finster-dreinschauendem Gesicht erkannte. Deklinationsreihe – ja, klar Joshua sagte nur: „Stört es, wenn ich nichts überziehe, nur meine Undies um, um die Rute zu bändigen, ich glaub ich muss T-Shirt und Socken eh gleich wieder ausziehen oder was kuckst Du hier, Tobias?“ – „Ach je, Josh; Mensch Marian – Ihr wisst doch wie’s ist…“

Und ich wischte und erklärte: Von meiner Spätzünderei in oder seit der Klassenfahrt mit dem 6-Bett-JuHe-Zimmer, dass ich erst jetzt „soweit“ sei, dass mir die „eigenartige“ Stimmung heute Abend durchaus aufgefallen sei, Tim wohl nicht, dass und wieviel Mut es mich gekostet hatte den Berg runter zu fahren, die lange, windige Fahrt, wie anstrengend es bergauf war sagte ich nicht, denn das war es nicht, nachdem der Entschluss erst einmal gefasst, eher kurz und windstill ohne Stillstand? Auch nichts von den Körperfressern oder dem Hund oder von Marek und dass ich in der Schwimmbadumkleide beobachtet hatte, welch geilen Halbbeschnittenen er hat. Und Marians Goldschw…immer schön langsam… Erst recht nichts vom Cousin nebenan. Nichts erst recht nicht von dem Sinneswandel, nur Seitenwind, der sich im Wechsel von der verhassten braunen Jacke mit den Plastikverschlüssen an den Taschen hin zur Bomberlederjacke, die eigentlich nicht für Missverständnisse sorgen konnte, war sie doch aus Leder und grau statt Ballonseide und schwarz und bekam ich sie doch von einem Cousin – nicht dem Cousin – subtextete ich im Hinterkopf mit dem Hintergedanken bei der Mutter, dass sie praktisch und robust sei … und wischte. Und verteilte.

O Mann Schulkram…deswegen wohl doch: „Wie es hier überhaupt aussieht“, affektierte ich mich im gespielten Erwachsenemton und das Logikwölkchen des Vorsatzes verpuffte mit der Deklinationsreihe. „Das geht aber deutlich über pubertäres Geplänkel hinaus.“ Knüpfte ich beim nie und immer vor zwei oder drei Jahren??? halb an. „ Oder wollt Ihr mir sagen, dass ihr die Socken so sauber zusammengerollt habt, falls jemand reinkommt?“ – traf ich den Punkt dann wohl endlich besser, denn die Vorstellung, dass Maria oder Fred hineinkämen… ‚’Ah, alles klar, Socken sind fein zusammengerollt, die Klamotten müsstet Ihr beim nächsten mal aber besser zusammenlegen, wo ist eigentlich das zweite Paar …ach so, na dann mal fröhlich weitergefickt‘, war wohl doch zu galgenlustig. Bad Emsig sozusagen…Klar wollte sich Marian noch verteidigen und log fleißig vor sich hin: „Wir waren in Clausens Zimmer und schauten da was auf dem größeren Fernseher; klar, haben wir nachher noch was an uns rumgespielt und…“ – wartete ich ab und ergänzte: „… wie kommen die Bissspuren auf das Sockenbündel oder sollte ich lieber sagen auf die Rolle; auf die KNEBELrolle?“ – Marians Mundwinkel zuckten kurz, dann war der Bann des vor-Erwachsenenspielenden-erwachsen-spielen-müssen vorbei; das wollte ich aber auch nicht, dass er fast schluchzte, waren meine fast-beinahe Tränen von draußen doch nur noch Spuren, die erst später im Gedenken an Marian Marek immer mal wieder kamen: „Naja … war halt mein erstes mal. Und dann die Angst, dass Mutti oder Vati nach Hause kommen; oder Claus. Und dann Du vor dem Balkon. Und jetzt noch die Angst, dass die Nachbarn was mitbekommen haben könnten…und dann….“ – „Das tut mir leid“, sagte Joshua plötzlich und unerwartet, „ich habe mein Bestes gegeben, um für Ruhe zu sorgen.“ – „Klar, Sockenbündelheld. Hauptsache!“ – dachte ich, sagte aber: „Naja, ich war jetzt auch nicht bewusst laut“, beschwichtigte ich ebenfalls. „Pass auf“, sagte ich und hörte auf zu wischen, alldieweil fast alle Spuren von deren erstes Mal weg waren. Wieso schleierte mir soeben Joshs Fußsohle auf meinem Hinterhaupt auf? „Angenommen“ musste ich mich konzentrieren, „Angenommen, Marian, Deine Eltern stünden jetzt gleich sofort hier; das wäre Mies, also, Joshua: Zieh dir endlich was drüber und vor allem die Socken an. Marian sollte sich gegebenenfalls welche aus seine Lade unter dem Bett holen. Ich habe mein Rad in der Einfahrt stehen, weil ich was vergessen hatte…meinen …Haustürschlüssel!…

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