Abserviert und aufgefangen

Schwule Kurzgeschichten

Frohen Schrittes erreichte Rocco das Wohnhaus seiner Freundin. Trotz des schweren Rucksacks fühlte er sich leicht und froh. Er hatte seinen Bachelor in der Tasche und nun sollte es mit dem Masterstudium hier in Hamburg weitergehen. Nicht mehr die wöchentliche Trennung und dauerhaft bei Melanie, das beflügelte ihn auf dem Weg vom Bahnhof zu ihr. Die Haustür öffnete sich gerade, so dass er ohne Klingeln ins Haus kam und die Treppen fast im Laufschritt nahm. Vor ihrer Tür stehend musste er erst mal verschnaufen und klingelte dann. Es dauerte eine Weile, bis die Tür sich öffnete. Rocco, bereit, seiner Melanie um den Hals zu fallen und sie mit Küssen zu bedecken, schreckte im letzten Augenblick zurück. Vor ihm stand ein Mann, einen Kopf größer als er, deutlich breiter und stärker. Nicht dass Rocco ein Schwächling war, seine sportlichen Aktivitäten hatten seinen Körper deutlich geprägt. Aber gegen diesen Schrank war er ein schmales Hemd. Der Schrank blickte stumm von oben auf ihn herab, bevor er unwirsch knurrte: „Wat willst de!“ Rocco schluckte und presste dann hervor: „Ich bin Rocco, ich bin der Freund von Melanie!“ Ein breites Grinsen war die Antwort und ein Wort: „Warst!“ Dann griff der Kerl hinter sich und knallte Rocco seine prall gefüllte Sporttasche auf die Zehen. „Verpiss dich, hier bin ich jetzt der Macker!“ Ein Knall und die Tür war wieder zu. Völlig verdattert stand Rocco da und hob dann zögernd der Finger zur Klingel. Doch dann ließ er die Hand wieder sinken und griff stattdessen die Henkel der Sporttasche. Langsam, wie in Trance, stieg er die Treppe herab und verließ das Haus, das er vor kaum einer Minute so freudig betreten hatte.

Wie er den Weg bis zum Bahnhof geschafft hatte, hätte er im Nachhinein nicht mehr sagen können. Als er aufblickte, stand er auf dem Bahnhofsvorplatz, schaute sich verwirrt um, setzte seinen schweren Rucksack ab und sich auf einen der Betonpoller an den Parkflächen. Nun kam ihm sein eigentliches Dilemma zu Bewusstsein. Er hatte kaum noch einen Cent im Portmonee und auch kein Geld auf dem Konto. Die letzten Wochen mit den Prüfungen hatten keinen Nebenjob erlaubt und Melanie, einen sehr gut bezahlten Bürojob im Hintergrund, hatte ihn dabei unterstützt. ‚Erst einmal die Prüfungen, das andere kommt später. Hier in Hamburg findest du immer was.‘ Mit diesen Worten hatte sich Rocco sicher gefühlt und nun das. Während er so grübelte, wie viel Geld er für die lange Fahrt nach Hause brauchen würde, hörte er plötzlich eine Frage in seine Gedanken dringen: „Wie viel!“ Ohne sich zu besinnen sprach Rocco seine Gedanken laut aus: „Mindestens 100 Euro.“ „O.k.!“ war die prompte Antwort und eine Hand hielt ihm einen 100 Euro Schein hin. Nun völlig verwirrt nahm Rocco ihn entgegen und betrachtete, aus seiner Versenkung geholt, sein Gegenüber genauer. Vor ihm stand ein Mann im schicken Markenanzug, schlank, blonde kurze Haare und gut gepflegter Bart. Erst langsam wurde ihm mit Blick auf den Geldschein bewusst, wofür er diesen Schein angenommen hatte. Bei dem Gedanken wurde er rot und versuchte stotternd das Ganze rückgängig zu machen. Doch sein Gegenüber machte seinem Gestammel mit klaren Worten ein Ende: „Nun halt mal den Mund. Dass du kein Stricher bist, sieht ein Blinder ohne Krückstock. Du gefällst mir sehr, hast dich aber zu nichts mit dem Geld verpflichtet. Du siehst aber so aus, als könntest du eine Unterstützung gebrauchen.“ Rocco schluckte schwer bei den freundlichen Worten und unter dem warmen Blick. Und er merkte, wie ihm die Tränen in die Augen traten. Antworten konnte er nicht. „Komm, ich nehm dich erst mal mit nach Hause. Dann können wir weitersehen.“ Ohne weiteres packte der Fremde die Sporttasche und half Rocco, den Rucksack wieder zu schultern. Wenig später erreichten sie einen geparkten BMW und verstauten das Gepäck im Kofferraum. Dann ging die Fahrt schweigend durch die Stadt auf der Elbchaussee nach Blankenese. Schließlich fuhren sie auf dem Strandweg, bogen zu einer Villa ab und durch ein sich automatisch öffnendes Tor in eine geräumige Garage.

Wenig später fand sich Rocco mit seinem Gepäck in der geräumigen Diele einer alten Villa wieder.
„Herzlich willkommen“, begrüßte ihn der Fremde nun lächelnd, „ich heiße Ole und Du?“ „Rocco!“ „Schön, dann sehn wir mal weiter. Dein Gepäck kannst du hier in das Gästezimmer bringen. Da ist auch ein Bad, du siehst nach ner Dusche aus. Unterdessen mach ich mich auch etwas frisch und such uns was zum Abendbrot zusammen.“ Wenig später erfrischte sich Rocco unter den angenehmen Strahlen einer Massagedusche. Er war gerade beim Abtrocknen, als es an der Tür klopfte und Ole rein sah. „Hier ist was Bequemes zum Anziehen, müsste dir passen. Ich mag es immer angenehm warm im Haus, da ist das ausreichend.“ Rocco spürte, dass Ole ihn mit anerkennenden Blicken musterte und er selbst dabei rot wurde. Aber Ole verschwand gleich wieder, Rocco putzte sich noch mal die Zähne und zog die Sachen an. Es waren ein Muskelshirt und eine Boxer Short. Beides aus angenehm seidigen Material und figurbetont. Barfuß machte er sich daraufhin auf die Suche nach Ole. Durch die Diele tapsend fand er ihn in einer gemütlichen Wohnküche. In der Pfanne schmurgelte ein lecker duftendes Reis-Gemüse-Fleisch-Gericht. Auf dem Esstisch standen schon Weingläser und eine Flasche Wein bereit, Kerzen brannten. „Schön“, begrüßte ihn Ole und wieder spürte Rocco den interessierten Blick, „kannst du das Essen noch ein paarmal umrühren, ich dusch mich auch noch schnell.“ Zehn Minuten später kam Ole zurück, frisch geduscht und in einem ähnlichen Outfit wie Rocco. Nun sah auch der genauer hin und entdeckte, dass Ole nicht nur im Anzug gut aussah, sondern sich darunter ein toller Body verbarg. „Alles o.k.?“ fragte Ole ihn verstehend lächelnd. Rocco spürte wieder das Blut in seinen Kopf schießen und stotterte verlegen: „Die Reispfanne müsste gut sein!“ „Fein, dann ran ans Essen.“ Sie setzen sich auf die gemütliche Bank am Esstisch, stießen mit dem Wein an und ließen sich das Essen schmecken. Dann gab es noch ein Eis als Nachtisch. Als sie das genussvoll leckten, fragte Ole: „Nun erzähl mal, was hat dich so getroffen, dass ich dich wie Strandgut in der Stricherecke am Hauptbahnhof auflesen konnte.“ „Dass das die Stricherecke ist, wusste ich doch gar nicht!“ stieß Rocco erschrocken hervor. „Ruhig, ist mir schon klar,“ Ole legte eine Hand auf Roccos Arm, „erzähl einfach!“ Rocco schluckte das letzte Eis runter und berichtete von seiner Situation. Beim Erzählen wurde ihm die ganze Misere erst so richtig bewusst. Er hatte seinen Platz im Studentenwohnheim aufgegeben und zu Hause, bei seinen Eltern, war sein großes Zimmer nun dauerhaft vermietet und für die gelegentlich stand im eine kleine Bodenkammer zur Verfügung. Und er wollte ja auch gar nicht zurück, sondern weiter studieren. Aber wo hier in Hamburg auf die Schnelle eine Bleibe herkriegen?

Über marvin 1338 Artikel
Hi! Ich habe im Moment nicht viel zu sagen. :-)

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